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Eklat um Tennisstar

Gerichtskrimi verloren: Djokovic verlässt Melbourne

Melbourne (dpa)

Novak Djokovic kam nach Australien, um mit dem 21. Grand-Slam-Titel einen Meilenstein in der Tennis-Geschichte zu erreichen. Er verließ das Land nach einem Corona-Drama um sein Visum ohne ein Match als großer Verlierer.

Von Kristina Puck und Lars Reinefeld, dpa

Darf nicht in Australien bleiben: Novak Djokovic. Foto: James Ross/AAP/dpa

Nach dem Gerichtsurteil verschwand Novak Djokovic noch vor Mitternacht aus seinem geliebten Australien. Als großer Verlierer stieg der serbische Tennisstar am Tag vor dem Auftakt der Australian Open, bei denen er einen historischen Erfolg feiern wollte, in den Flieger.

Doch weil der ungeimpfte Weltranglisten-Erste vor dem Bundesgericht mit dem Einspruch gegen seine verweigerte Einreise und die Annullierung seines Visums endgültig scheiterte, verpasst er die Chance auf den 21. Grand-Slam-Titel. Australiens Einwanderungsminister Alex Hawke bestätigte bei Twitter den Abflug des 34-Jährigen.

Als Djokovic von Melbourne in Richtung Dubai abhob, war es für den Serben eine Reise ins Ungewisse. Er steht am Scheideweg: Muss der 34-Jährige sich impfen lassen, wenn seine Karriere nicht enden soll?

«Ich bin extrem enttäuscht über die Entscheidung», teilte Djokovic mit, bevor er Richtung Dubai abdüste - und nachdem sich die drei Richter einstimmig gegen seinen Einspruch gestellt hatten. Seinem Sport hat er mit dem Gerichtskrimi enorm geschadet.

«Ich fühle mich unwohl, dass ich der Fokus der vergangenen Wochen gewesen bin, und ich hoffe, dass wir uns nun alle auf das Spiel und das Turnier, das ich liebe, konzentrieren können», schrieb Djokovic. Er werde sich nun ein bisschen Zeit nehmen, sich zu erholen, bevor er weitere Kommentare abgebe. Seit knapp zwei Wochen verdrängt der Serbe alle sportlichen Themen und beherrscht die Schlagzeilen: mit seiner umstrittenen medizinischen Ausnahmegenehmigung, mit Ungereimtheiten seiner Corona-Infektion im Dezember, mit den Auftritten mit Kindern und einem Journalisten der französischen Sportzeitung «L'Equipe» trotz positiven Corona-Tests.

Zukunft von Djokovic ungewiss

Wie er inmitten der Pandemie ohne eine Kehrtwende in der Impffrage an den wichtigsten Turnieren teilnehmen will, erscheint fraglich. Bei den Masters-Events in Indian Wells und Miami im März sind ebenso nur geimpfte Spielerinnen und Spieler zugelassen wie nun bei den Australian Open und den US Open. Über die Regeln in Wimbledon ist noch nichts bekannt. Nur bei den French Open in Paris dürfte Djokovic als Ungeimpfter nach aktuellem Stand wieder angreifen. «Wenn er sich weiter auf Tennis konzentrieren will, muss er Veränderungen unternehmen. Deswegen wäre meine Meinung: 'Novak, versuche einzusehen, dass es geimpft leichter für dich sein wird.' Ob er das macht, weiß ich nicht», sagte Tennis-Ikone Becker, einst für drei Jahre Coach von Djokovic, der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

2008, 2011, 2012, 2013, 2015, 2016, 2019, 2020 und 2021 siegte der Serbe bei den Australian Open. Er ist mit neun Titeln der Rekordchampion. Ganz unabhängig vom Ausgang des Turniers bleibt Djokovic im Anschluss weiter die Nummer eins der Welt.

Vorerst keine neue Bestmarke

Er wollte aber natürlich viel mehr. Djokovic hatte sich vorgenommen, ab Montag den Weg zum zehnten Erfolg bei seinem Lieblings-Grand-Slam zu beginnen. Im Endspiel am 30. Januar wollte Djokovic in der Rod Laver Arena seinen 21. Grand-Slam-Titel bejubeln. Damit hätte er sich zum alleinigen Rekordsieger bei den vier wichtigsten Turnieren gekürt. Diese Bestmarke teilt er sich momentan mit seinen Rivalen Rafael Nadal aus Spanien und Roger Federer aus der Schweiz - mit je 20 Titeln. Als sogenannter Lucky Loser rückt nun der Italiener Salvatore Caruso für ihn ins Feld und spielt in der ersten Runde gegen den Serben Miomir Kecmanovic.

Auf dem Tennisplatz hat Djokovic oft seine Klasse bewiesen, sich aus kniffligen Situationen zu befreien. Am Sonntag nun verfolgte er aus dem Büro seiner Anwälte, wie der Streit um seine Einreise und sein Visum endgültig verloren ging. Die Nacht vor der Verhandlung beim Bundesgericht hatte er wieder in einem Abschiebehotel verbracht. Dort war er bereits für vier Tage gewesen, nachdem ihm in der vorigen Woche in der Nacht zu Donnerstag die Einreise verweigert worden war.

Ungeimpfter Djokovic

Djokovic ist nicht gegen das Coronavirus geimpft und deswegen eine umstrittene Person in Australien, das seit Beginn der Pandemie harte Regeln aufgestellt hat. Als prominentes Vorbild könne er für eine «Anti-Impf-Stimmung» sorgen, begründete die australische Regierung.

Die Anhörung vor dem Bundesgericht hatte am Sonntagmorgen Ortszeit um 9.30 Uhr begonnen. Rund fünf Stunden später hatten sich die drei Richter für die Urteilsfindung zurückgezogen, ehe sie die Entscheidung am frühen Abend verkündeten. Die Begründung der drei Richter James Allsop, Anthony Besanko und David O'Callaghan solle frühestens am Montag erfolgen, hieß es. Djokovic müsse die Kosten des Verfahrens zahlen. Mehr als 85.000 Menschen schauten zwischenzeitlich die entscheidende Sitzung auf dem YouTube-Kanal des Bundesgerichts.

Die Entscheidung sei aus Gründen der «Gesundheit, Sicherheit und der Ordnung» gefallen, schrieb Australiens Premierminister Scott Morrison bei Facebook. Es sei «im öffentlichen Interesse» geschehen. Das Urteil soll auch seine Landsleute beruhigen, die sich in Umfragen mit großer Mehrheit gegen Djokovic gestellt hatten. Eine erste Gerichtsentscheidung am Montag war zu Gunsten von Djokovic ausgefallen. Am Freitag hatte Einwanderungsminister Hawke das Visum erneut annulliert.

Wütende Reaktionen aus Serbien

Die Reaktionen aus Djokovics Heimat Serbien auf die Entscheidung fielen empört aus. «In Melbourne geschah die größte Schande in der Geschichte des Sports! Schäm dich, Australien!», schrieb das Portal «kurir.rs». «Das Recht hat verloren, die Politik hat gesiegt.» Das Portal «informer.rs» titelte: «Erschüttert wie noch nie!» Seit seiner Ankunft in Australien habe Djokovic «nichts als Willkür und Schikanen» erfahren, sagte der serbische Präsident Aleksandar Vucic.

Die Herren-Tennis-Organisation ATP bedauerte die Ausweisung des Weltranglistenersten. Die Entscheidung des Gerichts sei letzten Endes zu akzeptieren, teilte die ATP mit. «Unabhängig davon, wie dieser Punkt erreicht worden ist, ist Novak einer der größten Champions unseres Sports und sein Fehlen bei den Australian Open ist ein Verlust für das Spiel», hieß es. Die Situation sei für niemanden gut gewesen, sagte der Schotte Andy Murray, in Melbourne mehrmals Finalgegner von Djokovic, der BBC. «Hoffentlich können wir von allen Seiten, des Turniers und von Novak, sicherstellen, dass dies nicht bei anderen Turnieren passiert.»

In der Causa Djokovic gab auch der australische Tennisverband ein schlechtes Bild ab. Tennis Australia wird vorgeworfen, Spieler mit der Information in die Irre getrieben zu haben, dass eine kürzliche Corona-Erkrankung für eine medizinische Ausnahme - und damit auch die Einreise - reiche. Der umtriebige Turnierboss Craig Tiley wird von Rücktrittsforderungen begleitet, seit der Fall seinen Lauf nahm. In den vergangenen Tagen war der sonst omnipräsente Turnierdirektor abgetaucht.

Am Yarra River beginnen nun am Montag nach dem tagelangen Hin und Her endlich die Tennis-Matches. Die Australian Open würden großartige Australian Open werden - mit oder ohne Djokovic, hatte Nadal, der zugab, das Thema ein wenig satt zu haben, am Samstag gesagt. Es sei klar, dass Djokovic einer der Besten der Geschichte sei. «Aber kein Tennisspieler der Geschichte ist wichtiger als das Event.»

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