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WM-Qualifikation

«Große Leere» nach Debakel: Italiens Fußball am Tiefpunkt

Palermo/Rom (dpa)

Was hatten die Italiener doch geträumt nach dem EM-Coup 2021. Eine glorreiche Zukunft wurde prognostiziert. Und nun? Tutto finito! Das blamable Aus in der WM-Qualifikation ist ein neuer Tiefpunkt.

Von Manuel Schwarz

Italiens Fußball-Nationalmannschaft wird nicht an der WM in Katar teilnehmen. Foto: Antonio Calanni/AP/dpa

Fußball-Italien liegt am Boden. Niedergestreckt vom kleinen Nordmazedonien, der eigenen Angst vor dem Scheitern und Defekten tief drin im System. Acht Monate nach dem Triumph von Wembley erleben die Azzurri in einer unwirklichen Nacht in Palermo einen neuen Tiefpunkt.

Vom «größten Alptraum» stammelt Mittelfeldspieler Marco Verratti im Anschluss an das blamable 0:1, das das Aus in der WM-Qualifikation bedeutet. Die Europameister sind im Spätherbst in Katar zum Zuschauen verdammt - der «Corriere dello Sport» wähnt die Azzurri gar «in der Hölle.»

Solche Begriffe sind in Zeiten, wo anderswo in Europa Menschen tatsächlich das schlimmstmögliche Leid erfahren, sicher unpassend. Für den in dem Mittelmeerland heiligen Fußball aber ist dieser K.o. laut Zeitung «Tuttosport» ein «Desaster von biblischen Ausmaßen.»

Italien letztmals 2014 bei einer WM dabei

Am Freitagmorgen raunten sich manche Italiener zu, wie viele Kinder es doch bald geben werde, die noch nie eine Squadra Azzurra bei einer WM gesehen haben. Letztmals war Italien 2014 in Brasilien dabei und dort ohne Sieg in der Vorrunde gescheitert. Damals war übrigens ebenso von einem historischen Tiefpunkt die Rede wie später bei der verpassten Quali für die WM 2018. Nun ist alles noch schlimmer, der EM-Erfolg war doch eine Einmonatsfliege und kein Zukunftssignal.

«Wir sind enttäuscht, gebrochen, am Boden zerstört», sagte Kapitän Giorgio Chiellini und berichtete von einer «großen Leere» in den Köpfen der Spieler, aus der die Energie freigesetzt werden müsse für ein Comeback. Das klingt nicht nur physikalisch ambitioniert.

Dabei hatte Italien schon vor dem Showdown gegen Nordmazedonien, den Aleksandar Trajkovski (90.+2) entschied, viele Chancen, das Debakel zu vermeiden: In zwei Quali-Partien gegen die Schweiz klappte der Sieg nicht, beide Mal vergab Jorginho einen Elfmeter. «Das wird mich für den Rest meines Lebens verfolgen», sagte er.

Vor allem die Schwäche im Sturm um den im Verein so treffsicheren und bei der Nationalelf - auch am Donnerstag - so harmlosen Ciro Immobile führte zu dem Schlamassel. «Wir wissen nicht, wie dieses Spiel so ausgehen konnte», sagte Nationalcoach Roberto Mancini. «Wir wissen nicht mal, warum es überhaupt so weit kommen konnte.»

Mancini: «Größte Enttäuschung»

Natürlich wurde schnell die Trainerfrage gestellt. Mancini hat noch einen Vertrag bis 2026 - aber kann man nach so einer Niederlage im Job bleiben? Chiellini hofft, dass Mancini weitermacht und auch Verbandschef Gabriele Gravina wünscht sich einen Verbleib Mancinis: «Wir haben uns für ein Projekt verpflichtet.» Der Trainer selbst wollte zunächst nicht über seine Zukunft spekulieren, diese «größte Enttäuschung» seines Fußballerlebens müsse er erst verdauen.

Für den Fall eines Mancini-Rücktritts wird schon über Fabio Cannavaro als Nachfolger gemunkelt. Das Trainerleben des Weltmeister-Kapitäns von 2006 spielte sich bislang in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi Arabien und China ab. Wie es heißt, könnte dem 48-Jährigen als Sportdirektor der Routinier Marcello Lippi zur Seite gestellt werden. Auch Real Madrids Carlo Ancelotti ist - mal wieder - ein Kandidat.

Dabei geht es nun nicht darum, einfach nur Personal auszutauschen. Der italienische Fußball gehört grundlegend reformiert, das ist die einhellige Meinung der Analysten und Experten. Dieser sei «kulturell rückständig, es gibt keine neuen Ideen. Die anderen Nationen entwickeln sich, wir sind auf dem Stand von vor 60 Jahren geblieben», sagte Ex-Coach Arrigo Sacchi der «Gazzetta dello Sport» (Freitag).

Sacchi kritisiert: «Wir sind rückständig»

Die Mängelliste ist lang. «Unsere Jugendabteilungen sind voll mit Spielern aus dem Ausland, die gekauft werden wie Obst und Gemüse, die Clubs sind höchstverschuldet, die Teams gewinnen außerhalb Italiens nichts mehr und niemandem sagt es etwas?», fragte Sacchi provokant. «Wir sind rückständig, und das nicht nur im Fußball.»

Seit dem Champions-League-Triumph von Inter Mailand 2010 hat kein Serie-A-Team mehr einen großen Vereinspokal gewonnen. Damals kam für Inter im Finale gegen den FC Bayern übrigens nur ein Italiener zum Einsatz: Verteidiger Marco Materazzi wurde in der Nachspielzeit eingewechselt! Apropos Materazzi: Spötter erinnerten am Freitag daran, dass Italien seit dem WM-Finale 2006 mit dem Kopfstoß-Eklat zwischen Materazzi und Zinedine Zidane kein WM-Spiel mehr gewonnen hatte - und nun für vier weitere Jahre keines gewinnen wird. Es ist vom Fluch die Rede wegen Materazzis Beleidigung gegen den Franzosen.

All diese Analysen lindern den Schmerz der Nationalspieler und ihrer Fans freilich nicht. Zu allem Überfluss muss das Team nächste Woche auch noch zum Spiel der Enttäuschten in die Türkei fliegen, anstatt im Finale der Playoffs in Portugal um die WM-Teilnahme zu kämpfen. «Wir müssen wieder aufstehen», sagte Chiellini, ehe er in die Nacht verschwand. Der ferne Blick auf die WM 2026 in Nordamerika fiel schwer. Immerhin dürfen dann erstmals 48 Nationen teilnehmen.

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