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Formen, Ursachen, Therapien

15 Fakten, die Sie über Kopfschmerzen kennen müssen

Frankfurt/Main (dpa/tmw)

Es sticht in den Schläfen, es drückt hinter der Stirn, manche Menschen klagen auch über Übelkeit: Es gibt viele Arten von Kopfschmerzen. Hier erhalten Sie einen Überblick über das Krankheitsbild.

Von Juliane Stadelmann, dpa

Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Längst gelten Kopfschmerzen als Volkskrankheit. 15 bis 20 Prozent der Frauen und 6 bis 8 Prozent der Männer in Deutschland haben regelmäßig Kopfschmerzen, so die Einschätzung von Charly Gaul, Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG).

Es wird also Zeit, sich über Kopfschmerzen zu informieren. Hier sind 15 Fakten dazu:

1. Welche Unterschiede gibt es bei Kopfschmerzen?

Grundsätzlich gibt es zwei Erscheinungsformen:

  • die primären oder eigenständigen Kopfschmerzen, wie zum Beispiel Migräne oder Spannungskopfschmerz, und
  • die sekundären Kopfschmerzen, die als Symptom einer anderen Erkrankung auftreten, zum Beispiel einer Infektion.

Mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden an einer primären Form. Die Kopfschmerzen können akut, episodisch oder chronisch auftreten.

2. Was sind Spannungskopfschmerzen?

Der am häufigsten auftretende Kopfschmerz ist der sogenannte Spannungskopfschmerz. Laut Robert Koch-Institut variiert die Anzahl der Betroffenen in Deutschland:

  • bei Frauen zwischen 14,5 und 31,7 Prozent,
  • bei Männern zwischen 12 und 26,9 Prozent,

Spannungskopfschmerzen erkennen Sie laut einer Borschüre der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, an diesen Merkmalen:

  • betrifft den ganzen Kopf,
  • ist ringförmig, um den Kopf herum spürbar,
  • kommt auch im Hinterkopf und Nackenbereich vor,
  • Gefühl von einem «Schraubstock», in dem der Kopf steckt,
  • dumpf drückend, leichte bis mittelstarke Schmerzintensität,
  • kaum Begleitsymptome,
  • Beschwerden nehmen bei Aktivität nicht zu.

3. Was können Sie bei Spannungskopfschmerzen tun?

Charly Gaul, Schmerztherapeut am Kopfschmerzzentrum in Frankfurt am Main, gibt Tipps, wodurch sich Spannungskopfschmerzen bessern:

  • durch frische Luft,
  • vielen Menschen hilft auch Bewegung,
  • Pfefferminzöl auf Schläfen, Stirn und Nacken auftragen.
  • Sind die Schmerzen stark, können auch Schmerzmittel und die Kombination von Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein helfen.

Allerdings: «Schmerzmittel sollten an weniger als zehn Tagen im Monat und nicht mehr als drei Tage in Folge eingenommen werden», sagt Neurologe Gaul. Damit sich durch eine zu häufige Einnahme der Schmerzmedikation nicht eine Zunahme der Kopfschmerzen ausbildet.

Und vorher immer erst mit einem Arzt sprechen. Das gilt auch für die Einnahme von Triptanen, einem Schmerzmittel für Menschen mit Migräne.

Fenster auf: Frische Luft kann Spannungskopfschmerzen lindern. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn

Gut zu wissen: Wenn jemand mindestens 15 Tage im Monat Kopfschmerzen hat, sprechen Experten von chronischen Spannungskopfschmerzen. In diesem Fall sollten Sie auf jeden Fall einen Arzt konsultieren.

4. Wie entsteht Migräne und wer ist betroffen?

Über eine Milliarde Menschen weltweit haben immer wieder Migräne. Das zeigt eine internationale Studie zur Migränebelastung in 204 Ländern aus dem Jahr 2019. Damit ist Migräne eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, erklärt Lars Neeb, Oberarzt der Klinik für Neurologie an der Berliner Charité.

Deutschland liegt nach Angaben dieser Studie im weltweiten Vergleich auf Platz 3, wenn es um die Anzahl der Betroffenen einer Altersgruppe geht - hinter Belgien und Italien.

Jede oder jeder Fünfte ist hierzulande betroffen - die Prävalenz liegt demnach bei 19 Prozent. Laut dieser Studie sind Frauen zwei bis dreimal so häufig betroffen wie Männer.

«Die Migräne ist die häufigste neurologische Erkrankung überhaupt, von allen Kopfschmerzerkrankungen führt sie auch am Häufigsten zum Arztbesuch», sagt Gaul.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie beschreibt Migräne als eine Erkrankung des Gehirns:

  • Dabei werden schmerzverarbeitende Zentren im Gehirn aktiviert und schmerzvermittelnde Botenstoffe ausgeschüttet.
  • Diese sogenannten Neurotransmitter lösen an den Blutgefäßen der Hirnhäute eine Art Entzündungsreaktion aus.
  • Wenn das passiert, wird die sogenannte Migräneschwelle überschritten.

Die Folge: Das Gehirn leidet unter einer Überbelastung und kann sich nur schwer von äußeren Reizen abschirmen. Das Schmerzempfinden ist so sensibel, dass sogar das Pulsieren des Blutes als Schmerz empfunden werden kann.

5. Was sind typische Symptome bei Migräne?

Migräne erkennen Sie an folgenden Merkmalen:

  • ein oft einseitig am Kopf ausgeprägter Schmerz,
  • der Schmerz ist pochend, stechend, pulsierend,
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit,
  • häufig auch Geruchsempfindlichkeit,
  • Übelkeit und manchmal auch Erbrechen,
  • teilweise Vorsymptome wie Heißhunger, Gähnen, Stimmungsabfall,
  • typisch, Zunahme der Schmerzintensität bei Aktivität,
  • 15 Prozent der Migräne-Betroffenen berichten von einer «Aura».

Bei einer Aura kann es zu neurologischen Reiz- oder Ausfallsymptomen kommen, beispielsweise:

  • Flimmersehen,
  • Gesichtsfeldausfall,
  • Wortfindungsstörungen oder
  • Kribbeln in einer Hand oder im Arm.

Übrigens: Migräneattacken dauern durchschnittlich zwischen einem halben und drei Tagen an. Während eines Anfalls haben Migränepatienten ein besonders hohes Ruhe- und Rückzugsbedürfnis.

6. Was kann eine Migräne auslösen?

Typische Auslöser - auch «Trigger» genannt - sind:

  • Alltagshektik,
  • extremer Wechsel von An- zu Entspannung (Stressabfallmigräne),
  • Aufregung,
  • Angst,
  • Ärger,
  • zu wenig Schlaf,
  • Alkoholkonsum,
  • unregelmäßige Mahlzeiten,
  • hormonelle Schwankungen (Serotoninspiegel im weiblichen Zyklus).

Gut zu wissen: Serotonin ist ein Neurotransmitter, der die Spannung der Blutgefäße reguliert und zur Blutgerinnung beiträgt. Ein zu hoher Serotoninspiegel steht im Verdacht, eine Ursache für Kopfschmerzen zu sein. Denn bei einem zu hohen Wert ziehen sich die Blutgefäße zusammen. Das löst Schmerzen aus.

7. Was können Betroffene bei Migräne tun?

«Mittel der ersten Wahl sind auch bei mittelschweren Attacken herkömmliche Analgetika wie Paracetamol, Ibuprofen und Aspirin.» erklärt Neeb, der auch das Kopfschmerzzentrum Campus Mitte leitet.

Wenn diese nicht helfen oder bei sehr starken Attacken werden Triptane verschrieben. Das sind spezielle Migräneschmerzmitteln.

Einige Triptane erhalten Menschen mit Migräne mittlerweile auch rezeptfrei in Apotheken, laut Deutscher Arzneimittelverschreibungsverordnung allerdings nur, wenn zuvor die «Erstdiagnose durch einen Arzt» gestellt wurde.

Triptane helfen bei ungefähr 70 Prozent der Patientinnen und Patienten sehr gut und schnell.

Gut zu wissen: Selbst Kinder und Jugendliche leiden schon unter Migräne. Bei ihnen kann sie sich allerdings etwas anders äußern als bei Erwachsenen, sie bekommen auch leichtere Medikamente.

8. Was ist der Clusterkopfschmerz?

Clusterkopfschmerzen haben in Deutschland laut Gaul, der sich auf die aktuellen Leitlinien für Neurologen stützt, rund ein Promille der Bevölkerung. Von 1000 Menschen sind also etwa ein bis zwei betroffen.

«Männer sind ungefähr dreimal so häufig betroffen wie Frauen, meist beginnt die Erkrankung vor dem 30. Lebensjahr, Kinder und Jugendliche sind zehnmal seltener von Clusterkopfschmerz betroffen als Erwachsene», so Gaul.

Cluster ist das englische Wort für Traube oder Bündel, die Kopfschmerzen heißen so, weil sie geballt zum Beispiel zu einer bestimmten Jahreszeit auftreten. Dann kann es sein, dass die Attacken regelmäßig zur gleichen Tageszeit auftauchen.

9. Welche Symptome sind typisch bei Clusterkopfschmerzen?

Clusterkopfschmerzen erkennen Sie an folgenden Merkmalen:

  • einseitige sehr starke Attacken von Kopf- und Gesichtsschmerzen,
  • unbehandelt können sie zwischen 15 und 180 Minuten andauern,
  • Hauptschmerz tritt hinter den Augen auf,
  • auch Schmerzen in der Stirn- und Schläfenregion sind typisch,
  • Patienten sind unruhig und wollen sich bewegen.

Dazu gibt es mindestens ein Zusatzsymptom wie:

  • Bindehautrötung,
  • Augentränen,
  • Zuschwellen der Nase,
  • Naselaufen,
  • Pupillenverengung,
  • Oberlidschwellung,
  • Schwitzen auf Stirn und Gesicht.

10. Was können Betroffene bei Clusterkopfschmerzen tun?

Zur akuten Behandlung von Clusterkopfschmerzen dienen laut Neeb:

  • Triptane als Nasenspray, da es schneller wirkt als Tabletten,
  • Triptanhaltige Mittel zur Injektion, die sich Patienten bei Attacken selbst unter die Haut spritzen können,
  • Ambulante Inhalation von hoch konzentriertem Sauerstoff.

Gut zu wissen: In manchen Fällen können auch andere Grunderkrankungen Kopfschmerzen auslösen, zum Beispiel die craniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD. Dabei handelt es sich meist um eine muskuläre Funktionsstörung der Kaumuskulatur und des Kiefers.

Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie weist daraufhin, dass Betroffene «unklare Kopfschmerzen» vorrangig neurologisch abklären lassen sollten. Bei dem Verdacht einer CMD sollten Sie einen Spezialisten für Kiefergelenke konsultieren.

Tipp: Ein Besuch beim Zahnarzt ist sinnvoll, wenn Sie unter chronischen Kopfschmerzen unbekannten Ursprungs leiden.

Übrigens: Auch speziell ausgebildete Physiotherapeuten bieten Behandlungen an. Dabei massieren sie etwa die Kiefermuskulatur im Mund. Sprechen Sie Ihren behandelnden Arzt darauf an.

Sanfter Druck: Massagen können bei Spannungkopfschmerzen helfen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

11. Wie kann man Kopfschmerzen und Migräne vorbeugen?

Betroffene können viel selbst tun, um Schmerzen vorzubeugen. Zur prophylaktischen Hilfe gehören laut einer Broschüre der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft:

  • Stress reduzieren,
  • Entspannungsübungen machen,
  • Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson,
  • regelmäßiger Schlaf,
  • regelmäßige Mahlzeiten,
  • leichter Ausdauersport - zwei bis drei Mal die Woche, 30 Minuten.

Bei Migräne: Situationen und Handlungsweisen vermeiden, die eine Attacke auslösen.

Gegebenenfalls kann auch eine schmerztherapeutisch orientierte psychologische Verhaltenstherapie helfen. Parallel dazu kann es sinnvoll sein, den Arbeitsplatz auf Ergonomie checken zu lassen.

12. Wann sollten Sie wegen Kopfschmerzen zum Arzt gehen?

Kopfschmerzen können auch ein Warnsignal sein - das sollten Sie ernst nehmen. In diesen Situationen sollten Sie laut Deutscher Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen:

  • wenn akute Kopfschmerzen auftreten, die der Patient so noch nicht kennt,
  • wenn Kopfschmerzattacken auf die üblicherweise wirksame Medikation nicht mehr ansprechen,
  • bei Kopfschmerzen, die mit ungewöhnlichen Begleitsymptomen wie Fieber, massives Erbrechen, Bewusstseinsstörungen einhergehen,
  • wenn Kopfschmerzen erstmals nach dem 50. Lebensjahr auftreten.

Gut zu wissen: Die Diagnostik umfasst die ärztliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung mit neurologischem Befund, und wenn notwendig auch eine MRT- oder CT-Untersuchung des Schädels. CT steht für Computertomographie - also mit Röntgenstrahlung.

MRT steht für Magnetresonanztherapie - also mit einem Magnetfeld. Eine große Rolle für die richtige Dignose können auch psychosoziale Faktoren spielen.

Sofort zum Arzt: Heftiger Kopfschmerz kann ein Warnsignal sein. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

13. Wann handelt es sich um einen Notfall?

In den meisten Fällen sind die Kopfschmerzen ein primäres Syndrom. Nur in wenigen Fällen stecken andere bedrohliche Krankheiten dahinter.

«Betroffene sollten sich nicht scheuen die Notaufnahme aufzusuchen, wenn die Kopfschmerzen ungewohnt stark, an unbekannten Stellen auftreten oder unerträglich sind», so Gaul.

Er führt weiter aus, Kopfschmerzen sind ein Notfall, wenn:

  • ein sogenannter Vernichtungskopfschmerz auftritt - gemeint sind damit, stärkste Schmerzen, wie noch nie vorher erlebt,
  • Kopfschmerzen mit Fieber einhergehen,
  • wenn Kopfschmerzen posttraumatisch auftreten, also zum Beispiel nach einem Unfall oder nach einem besonderen Zwischenfall.

14. Wie wirkt sich die Pandemie auf Kopfschmerzen aus?

Laut einer Studie von Neurologen der Charité Berlin hatte der Lockdown selbst keinen Einfluss auf die Anzahl der durchschnittlichen monatlichen Kopfschmerztage.

«Im Rahmen der Covid-19 Erkrankung können akute Kopfschmerzen auftreten», so Gaul. «Auch nach den Impfungen gegen das Coronavirus werden vermehrt Kopfschmerzen beobachtet. Zum Teil treten nach der Covid-19-Erkrankung langanhaltende Kopfschmerzen auf.»

Auch Neeb von der Charité sagt: «Ungefähr die Hälfte aller Covid-Erkrankten berichtet von Kopfschmerzen». Einen typischen Post-Covid-Kopfschmerz oder einen typischen Kopfschmerz nach einer Covid-19-Impfung gibt es nicht, da die Kopfschmerzen sehr unterschiedlich sein können. Nach einer Impfung klingen die Kopfschmerzen meist schon nach wenigen Tagen wieder ab.

Gaul ergänzt: «Betroffene, die zuvor an einer Migräne litten, haben häufig auch migräneartige Kopfschmerzen, wenn sie bereits an Covid erkrankt sind oder an Kopfschmerzen leiden, die nach der Impfung aufgetreten sind.»

15. Wo bekommen Sie Unterstützung und Beratung?

Menschen, die unter Kopfschmerzen leiden, fürchten immer noch Ausgrenzung und Stigmatisierung, gerade, wenn sie chronische Kopfschmerzen oder auch chronische Migräne haben. Zu diesem Schluss kommt die bereits zitierte Studie zu Migräne in 204 Ländern.

Hier finden Betroffene Hilfe:

  • Ein starkes Netzwerk sowohl für Betroffene von Migräneattacken als auch für Behandelnde Ärze finden Sie auf der Homepage der MigräneLiga e.V. Dort können Sie gezielt nach regionale Selbsthilfegruppen suchen. Viele regionale Kliniken bieten auch «Schmerz-Hotlines» an, an die Sie sich im akuten Fall wenden können.
  • Auf der Homepage der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) finden Betroffene wertvolle Informationen, Tipps und zum Beispiel ein Schmerzkalender als Vordruck zum Download, sowie die kostenlose App der DMKG.
  • Auch die Schmerzklinik Kiel eine spezielle App konzipiert, mit der Neurologinnen und Neurologen bereits in der Praxis arbeiten. Hier können Sie Faktoren wie Häufigkeit, Dauer, Umstände und Intensivität der Schmerzen festhalten. Die Daten können behandelnde Ärzte heranziehen, um eine genaue Diagnose zu stellen.

Tipp: Da jeder Kopfschmerz anders ist, helfen eigene Beobachtungen im Alltag, um zu verstehen, in welchen Situationen der Schmerz auftritt. So finden Sie heraus, was ihnen am besten hilft, wenn die Migräne oder der Kopfschmerz da ist. In jedem Fall sollten Betroffene sich bei Ärzten Rat holen, damit Kopfschmerzen nicht chronisch werden.

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