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In der Eifel werden Menschen zu stillen Teilhabern an der Natur – ein Vorbild für die Senne?

Der einzige Nationalpark in NRW

Schleiden (WB). Im Gegensatz zum Naturpark haben in einem Nationalpark Tiere und Pflanzen Vorrang vor den Menschen. Das heißt aber nicht, dass sie gar nicht hineindürfen.

Dietmar Kemper

Blick durch Zweige auf den Rursee: Der 2004 gegründete Nationalpark Eifel verspricht Besuchern aus dem In- und Ausland drei »Ws«: Wald, Wasser, Wildnis. Foto: Dominik Ketz/Städteregion Aachen

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In Nordrhein-Westfalen gibt es zwölf Naturparks und den Nationalpark Eifel. Der Naturpark Sauerland-Rothaargebirge ist mit 3826 Quadratkilometern der größte, der Naturpark Siebengebirge (112) der kleinste.

Auf ausgewiesenen, insgesamt 240 Kilometer langen Wegen können Wanderer, Radler, Reiter und Skifahrer sich im Nationalpark Eifel bewegen und mit der faszinierenden Kulisse aus Wald, Wasser und Wildnis verschmelzen. Während mancher Hobbygärtner nicht mal den Anblick einer einzigen Brennnessel in seinem Garten erträgt, gilt im Nationalpark Eifel: »Natur Natur sein lassen«.

»Schon jetzt stehen 58 Prozent der 10 700 Hektar großen Fläche unter Prozessschutz«, sagt der stellvertretende Leiter des Nationalparks, Michael Lammerts. Vorgesehen ist das für 87 Prozent des Gebiets – der Rest entfällt unter anderem auf Teile der Seenlandschaft und des offenen Graslandes. Noch hat der Nationalpark Eifel den Status eines »Entwicklungsnationalparks«. Wildnis geht eben nicht über Nacht. 30 Jahre haben solche Schutzgebiete Zeit, um mindestens dreiviertel der Fläche ganz der Natur zu übergeben. 2034 oder noch etwas früher soll in der Eifel dieser Zustand erreicht sein.

9460 Arten leben in Park

Das bedeutet, dass ganze Areale von Menschen nicht betreten werden dürfen. Dahinter steht das ehrgeizige Ziel, die biologische Vielfalt zu erhalten und möglichst noch auszuweiten. Schon jetzt weist der Nationalpark 9460 Tier- und Pflanzenarten auf, darunter mehr als 2170, deren Bestand als gefährdet gilt.

Dazu gehören der Biber, der Uhu, der Schwarzstorch und der Eisvogel genauso wie die Wildkatze. Sie finden wie das Große Mausohr, die Mauereidechse und die Kreuzkröte, die Elsbeere und die Gelbe Narzisse im Nationalpark eine Heimat. Die Wildkatzen, für die eigens Wurfplätze eingerichtet wurden, werden dort übrigens liebevoll »Kleine Eifeltiger« genannt. Die meisten der schätzungsweise 700 Tiere in NRW leben hier.

Buchen haben Vorfahrt

5000 Sterne

Im Nationalpark lohnt sich auch der Blick zum Himmel. Hier kann man abends die Milchstraße und gut 5000 Sterne noch mit dem bloßen Auge erkennen. In der Astronomie-Werkstatt »Sterne ohne Grenzen« im Besucher- und Ausstellungszentrum Forum Vogelsang auf der Dreiborner Höhe sind es dank Technik 55 der 88 Sternbilder. Weitere Informationen: www.nationalpark-eifel.de

Wie eine naturnahe Landschaft aussieht, lässt sich am Kermeter studieren. So heißt der 36 Qua­dratkilometer große, von Wald gesäumte Höhenzug – eines der größten Waldgebiete in NRW. Zugunsten der Buchen werden nicht heimische Douglasien und Fichten zurückgedrängt. Der Anteil der Buchen im deutschen Wald ist auf 15 Prozent zusammengeschrumpft. Der Nationalpark arbeitet dagegen an.

Wälder, Bachtäler und offenes Grasland wechseln sich ab. Die 60 Jahre lang als Truppenübungsplatz Vogelsang genutzte Dreiborner Hochfläche wird jetzt zum überwiegenden Teil der Natur überlassen.

Modell für die Senne?

Das könne ein  Modell für den Truppenübungsplatz Senne sein, meint der Landesverband des Nabu, der sich einen zweiten Nationalpark in NRW wünscht. Aber nach dem Regierungswechsel in Düsseldorf ist ein Nationalpark im Regierungsbezirk Detmold in weite Ferne gerückt.

Im Gegensatz zu den Grünen lehnen  CDU und FDP das Projekt ab. Die CDU will keine flächenhaften Stilllegungen, und die FDP warf Rot-Grün mehrfach vor, aus OWL einen Freizeitpark machen zu wollen. Auf dem Truppenübungsplatz könne sich die Natur ausreichend entfalten, meinen Christdemokraten und Liberale. »Aber wenn die militärische Nutzung endet, kippen die Dominosteine in Richtung Nationalpark Senne«, ist der Nabu-Landesvorsitzende Josef Tumbrinck überzeugt. Eine solche Lösung werde sich dann den politisch Verantwortlichen in Land und Region aufdrängen.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte allerdings beim »Tag der Bundeswehr« im Juni in Augustdorf angekündigt, bis 2021 würden hier weitere 54 Millionen Euro investiert.

870.00 Besucher

In der Eifel steckte das Land Geld in eine Region ohne große Wirtschaftskraft. Zudem bezahlt es die 96 Mitarbeiter des Nationalparks. Lammertz spricht von einem »Glücksfall für die Region« und verweist auf einen Bruttoumsatz von 30 Millionen Euro im Jahr allein durch die mehr als 870.000 Besucher, die zwischen Januar und Dezember in das Gebiet strömen.

240 Kilometer Wege sind für Wanderer, Reiter, Radfahrer und Skifahrer ausgewiesen. Sie alle sollen sich ruhig verhalten. Foto: Dominik Ketz/Stadt Schleiden

»Seit 2007 haben sich die jährlichen Besucherzahlen im jungen Nationalpark fast verdoppelt.« Naturfreunde aus dem In- und Ausland geben zum Beispiel Geld für Übernachtungen aus. Mancher von ihnen läuft den 85 Kilometer langen »Wildnis-Trail« – einen Wanderweg über vier Etappen, der von einem Ende des Parks zum anderen führt. Generell dürfen die Besucher auf den ausgewiesenen Wegen nur Eindrücke, aber keine Pflanzen sammeln, und sie sollen leise sein, mahnt die Verwaltung: »Nur so erleben beispielsweise Tiere den Menschen als berechenbaren und friedlichen Nachbarn und trauen sich auch tagsüber aus ihren Verstecken.«

Bisher erschienen

Teil 1:  Rückzugsorte für Mensch und Tier

Teil 2: Der Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge –  Wald macht gesund

Nächste Folge: der Naturpark Dümmer.

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