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Abgelenkte Frau wird bestohlen und verliert Versicherungsschutz

Fahrlässige Knutscherei

Hamm (WB). Weil sie beschwipst auf dem Heimweg von einer Betriebsfeier mit einem Kollegen geknutscht hatte, bleibt eine Frau aus Münster auf dem Schaden eines Wohnungseinbruchs sitzen. Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hat dies jetzt in einem kuriosen Fall entschieden.

Bernd Bexte

Ein Dieb hatte der Klägerin die Tasche aus dem Fahrradkorb gestohlen. Foto: dpa

Denn beim Tête-à-Tête auf nächtlicher Straße hatte sie nicht auf ihre Handtasche aufgepasst. Ein Unbekannter entwendete diese samt Wohnungsschlüssel aus ihrem Fahrradkorb und räumte umgehend ihr Zuhause aus.

Fahrlässigkeit: Hausratversicherung muss nicht zahlen

Folge: Aufgrund der Fahrlässigkeit der Frau muss ihre Hausratversicherung nicht für den Schaden aufkommen, entschied der 20. Zivilsenat des OLG. Er bestätigte damit das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts Münster.

Im Juli 2013 befand sich die damals 55-Jährige auf dem Rückweg von einer Betriebsfeier in Begleitung eines Kollegen, der ihr Fahrrad schob. Ihre Handtasche mit Wohnungsschlüssel und weiteren persönlichen Gegenständen hatte die Frau im Fahrradkorb ungesichert abgelegt.

In der Innenstadt, an der Aegidiistraße in Münster, stellten beide das Fahrrad an einer Säule ab und küssten sich innig, so dass das Rad für etwa drei Minuten unbeobachtet blieb. Pech: In dieser Zeit entwendete ein unbekannter Täter die Handtasche.

Schaden im Wert von 17.500 Euro

Als die Bestohlene dies bemerkte, meldete sie den Diebstahl noch am Tatort der Polizei. Weil sie nun nicht mehr in ihre Wohnung kam, musste sie anschließend bei einer Verwandten übernachten. Als die Frau am nächsten Morgen ihre nahe gelegene Wohnung aufsuchte, stellte sie mit Entsetzen fest, dass dort zwischenzeitlich Unbekannte mit Hilfe des entwendeten Schlüssels eingedrungen waren.

Nach Angaben der Frau hatten der oder die Täter Schmuck, Mobiltelefone und Laptops gestohlen. Den Gesamtwert der entwendeten Gegenstände bezifferte sie auf 17.500 Euro.

Von ihrer Hausratversicherung aus Bonn verlangte sie zunächst den Ersatz der Hälfte des Wertes, zog sogar vor Gericht. Die Klage ist jedoch erfolglos geblieben. Die Frau könne, so die Richter des Oberlandesgerichts Hamm, die Versicherung nicht in Anspruch nehmen. Der vorliegende Fall sei schlichtweg kein nach den Versicherungsbedingungen versichertes Ereignis.

Denn diese besagen, dass ein Einbruchsdiebstahl zwar dann vorliege, wenn »der Dieb in einem Raum eines Gebäudes mittels richtigen Schlüssels eindringt, den er innerhalb oder außerhalb des Versicherungsortes durch Diebstahl an sich gebracht hatte«. Voraussetzung sei allerdings, dass der Diebstahl des Schlüssels nicht durch fahrlässiges Verhalten ermöglicht worden sei.

Alkoholkonsum ändere an Bewertung nichts

Die Klägerin habe laut Gericht jedoch fahrlässig gehandelt, da sie ihre Handtasche mit Hausschlüssel und Ausweispapieren unbeaufsichtigt im Fahrradkorb liegen ließ. Die Tasche habe – auch wenn die Klägerin zuvor niemanden in der Nähe ihres Fahrrades bemerkt habe – jederzeit entwendet werden können. Diese Gefahr sei für die Klägerin erkennbar und vermeidbar gewesen. Schließlich hätte sie die Tasche am Körper tragen können.

Weil sie sich ihrem Kollegen zugewandt habe, sei sie zudem so stark und so lange abgelenkt gewesen, dass sie den Diebstahl nicht gleich bemerkt habe. Auch ihr Alkoholkonsum ändere an der Bewertung nichts. Nach eigenen Angaben will sie zwei bis drei Glas Wein an dem Abend getrunken haben. Dadurch könne ihr die Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit aber nicht abhanden gekommen sein. Der Gerichtsbeschluss ist rechtskräftig. Az. 20 U 174/16

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