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115.000 Euro weg: aber Kündigung einer Sparkassenmitarbeiterin nicht rechtens

Waschpulver im Geldkoffer

Hamm (WB/bex). Statt Banknoten füllten Waschpulver und Babynahrung den von einer Sparkassenmitarbeiterin angeforderten Geldkoffer. Hat sie die 115.000 Euro an sich genommen? Die Sparkasse kündigte der 52-Jährigen. Zu Unrecht, befand jetzt das Landesarbeitsgericht in Hamm.

115.000 Euro sollten im Geldkoffer liegen. Foto: imago

Am 28. Mai 2015 nahm die Kassiererin in einer Filiale der Herner Sparkasse gegen 9.40 Uhr von einem Geldtransportdienst einen verplombten Geldkoffer der Bundesbank an. Darin sollten sich besagte 115.000 Euro befinden, und zwar ausschließlich in 50-Euro-Scheinen. Die Angestellte hatte die Summe am Vortag selbst angefordert. Der Koffer soll vor laufender Kamera gepackt und mit einem ständig überwachten Geldtransport nach Herne gebracht worden sein.

Kassiererin missachtet Vier-Augen-Prinzip

Nachdem der Koffer etwa 20 Minuten im nur teilweise einsehbaren Kassenbereich – dort hielt sich die Angestellte zur fraglichen Zeit allein auf – gestanden hatte, öffnete sie ihn unter Verletzung des von der Sparkasse vorgegebenen Vier-Augen-Prinzips alleine. Nach Angaben des Gerichts rief sie erst dann einen Kollegen hinzu, der im Koffer je eine Packung Waschpulver und Babynahrung, aber kein Geld erblickte.

Mit eben dieser Füllung will die Angestellte den Koffer nach dem Aufbrechen der Plombe bei der Erstöffnung vorgefunden haben, gab sie vor Gericht an. Nach eigenen Aufklärungsbemühungen sowie Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft kündigte die Sparkasse der Angestellten knapp ein Jahr nach dem Vorfall fristlos.

Sie war seit 1991 für die Sparkasse tätig. Laut Medienberichten soll die Frau verschuldet gewesen sein, in ihrem Bankschließfach habe man Geldscheine in Höhe von 40.000 Euro gefunden – allerdings mit anderen Seriennummern als die verschwundenen Banknoten.

Täterschaft anderer Personen sei »nicht auszuschließen«

Die Sparkasse begründete die Kündigung im Wesentlichen damit, dass gegen die Mitarbeiterin der dringende Verdacht einer Straftat bestehe. Dafür sprächen zahlreiche Indizien, insbesondere auffällige finanzielle Transaktionen, die die Frau nach dem Abhandenkommen des Geldes aus dem Koffer getätigt habe. Auch habe die Mitarbeiterin für die Bestellung eines derart hohen, entsprechend gestückelten Bargeldbetrages keine Veranlassung gehabt.

Die Frau ging mit einer Kündigungsschutzklage gegen ihren Rauswurf vor. Auch in zweiter Instanz bekam sie jetzt Recht. Eine Verdachtskündigung komme nur unter engen Voraussetzungen in Betracht, urteilte das Landesarbeitsgericht in Hamm. Es fehle im konkreten Fall aber an der Dringlichkeit des Verdachts. Die Täterschaft anderer Personen sei »nicht mit hinreichender Sicherheit auszuschließen«. Weitere Vor­aussetzung einer Verdachtskündigung sei eine Anhörung des Arbeitnehmers zu den Vorwürfen. Die habe es aber nicht gegeben.

52-Jährige arbeitet weiter für die Sparkasse

Die Angestellte hatte sich mit ihrer Kündigungsschutzklage bereits vor dem Arbeitsgericht Herne durchgesetzt. Dagegen war die Sparkasse in Berufung gegangen. Die 52-Jährige arbeitet jetzt weiter für die Sparkasse: Das Urteil des Landesarbeitsgerichts ist rechtskräftig, Revision zum Bundesarbeitsgericht wurde nicht zugelassen. Der Frau droht aber noch ein Strafprozess. Die Staatsanwaltschaft Bochum hat mittlerweile Anklage erhoben. Über die Zulassung muss das Amtsgericht Herne noch entscheiden.

Az.: 17 Sa 1540/16

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