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Interview mit Pastoralreferent Markus Hartmann

„Das Tal ist nicht total traumatisiert“ - die Stimmungslage nach der Flutkatastrophe

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Fast drei Monate ist es her, dass die verheerende Flutkatastrophe das Ahrtal ins Chaos stürzte. Seither laufen die Aufräumarbeiter, damit der Wiederaufbau beginnen kann. Wie geht es den Menschen vor Ort heute? Fragen an Pastoralreferent Markus Hartmann.

Von Gunnar A. Pier

Eine zerstörte Eisenbahnbrücke nahe Mayschoß, Dank an die Helfer, Schuttberge in der Fußgängerzone von Ahrweiler: Das Tal wurde schwer getroffen durch die Flutkatastrophe im Juli. Inzwischen werde die Stimmung besser, ist Pastoralreferent Markus Hartmann (Foto: in der verwüsteten St.-Pius-Kirche) sicher. Foto: Gunnar A. Pier

Das Erdgeschoss ist entkernt, die Bautrockner rattern: Markus Hartmann wohnt nahe der Ahr in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er wurde am 14. Juli 2021 wie Tausende andere ein Opfer der Flut­katastrophe im Ahrtal. Jetzt kümmert sich der Pastoralreferent um seine persönliche Situation – aber auch die seiner Mitmenschen.

So ist er unser erster Ansprechpartner für die Verwendung der Gelder, die die Leser im Rahmen der Spendenaktion unserer Zeitung überwiesen haben. Wie ist die Stimmung vor Ort? Unser Redaktionsmitglied Gunnar A. Pier hat Hartmann besucht.

Herr Hartmann, die Flutkatastrophe liegt jetzt etwa drei Monate zurück. Wie geht es heute den Menschen im Ahrtal?

Hartmann: Ich glaube, die Stimmung ist wieder überwiegend positiv. Es ist inzwischen viel passiert: Der ganze Müll ist weg, der allermeiste Schlamm ist weg. Die Bautrockner in den Häusern laufen – es geht voran. Ich beobachte aber auch eine allgemeine Erschöpfung. Die Leute sind ausgelaugt. Wir sind ja permanent mit den Folgen der Flut konfrontiert: Das Parterre steht leer, die Fenster sind verbrettert, ganze Straßenzüge haben sich komplett verändert, viele Geschäfte gibt es nicht mehr. Es gibt keinen Rückzugsort, wo man frei ist von diesem Thema. Es fehlt noch immer so etwas wie eine Normalität.

Sind die Menschen gedanklich schon beim Wiederaufbau?

Hartmann: Ja, und das muss ja auch so sein. Ich kann es beispielsweise für unsere Familie sagen: Wir beschäftigen uns einen Großteil des Tages mit dem Wiederaufbau: Laufen die Trockner noch? Haben wir die Handwerker rechtzeitig bestellt? Wie gestalten wir die Räume?

Hierbleiben oder lieber wegziehen aus dem Ahrtal – wird diese Frage unter den Bewohnern noch immer viel diskutiert?

Hartmann: Der Anteil derer, die noch unentschlossen sind, wird immer kleiner. Wer wegziehen will, ist schon weg. Mein Eindruck ist, dass in den Dörfern entlang der Ahr die allermeisten Menschen bleiben. Sie sind stark verwurzelt. Hier in Bad Neuenahr-Ahrweiler gibt es einen größeren Prozentsatz von Menschen, die eh zugezogen sind, die nun das Weite suchen. Sie sind hergezogen, weil nebenan der Doktor war, die Promenaden und die Parks und das Kulturprogramm. Das ist alles nicht mehr da, deshalb haben die keinen Grund mehr, hierzubleiben.

Viele Häuser und Wohnungen sind unbewohnbar oder schon abgerissen. Gibt es Wohnungsnot?

Hartmann: Damit bin ich gar nicht so konfrontiert. Die meisten haben sich über Familien und Freunde organisiert. Es gibt Auffanglager oberhalb des Tales, die gar nicht so angenommen werden, wie es erwartet wurde. Eine schöne Idee gab es in Dernau, wo Container aufgestellt wurden für die alten Bewohner, damit sie im Dorf bleiben können.

Als ich das letzte Mal hier war, wurde allgemein eine Welle großer psychischer Probleme erwartet. Hat sich diese Befürchtung bewahrheitet?

Hartmann: Im Kindergartenbereich merken wir das nicht. Die Psychologen sagen: Ja, die Menschen sind belastet – lasst sie erzählen, lasst die Kinder malen – das heilt sich anscheinend von selber. Die Erfahrungen sind offenbar nicht so schlimm wie gedacht. Allerdings stehen viele immer noch unter Adrenalin und kommen vielleicht erst in den Wintermonaten zur Ruhe. Ich glaube aber nicht, dass das Tal total traumatisiert ist.

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Unser Thema sind ja Kitas, weil unsere Leser explizit für Kitas gespendet haben. Wie ist da die Lage?

Hartmann: Voller Erwartung, wie es weitergeht. Ich erlebe die Teams als unglaublich kreativ, einsatzfreudig und aktiv, um den Familien ein Stück Normalität und Entlastung zu geben. Andererseits tragen die Erzieherinnen auch unglaublich viel mit – die Eltern laden viel bei ihnen ab. Bei vielen Kitas in Notunterkünften ist auch noch nicht so klar, wie und wo es weitergeht. Und das schaffen sie alles, obwohl ein großer Teil ja von den Erzieherinnen ja selber auch stark betroffen ist.

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