Kommentar zum Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx

Ein Kirchenbeben

Das Rücktrittsangebot von Reinhard Kardinal Marx löst ein Beben in der Katholischen Kirche aus, und die Schockwellen reichen bis in das Innerste des Vatikans hinein.

Ulrich Windolph

Kardinal Reinhard Marx 2019 beim Evangelischen Kirchentag. Foto: imago images / Rüdiger Wölk

Nein, da zieht sich nicht irgendeine Randfigur, kein Dauernörgler, Quertreiber oder gar Abtrünniger zurück – nein, da will jemand gehen, der diese Kirche über Jahrzehnte geprägt und in wichtigsten Ämtern geführt hat.

Die katholische Kirche sei an einem toten Punkt angekommen, hat Marx seinen Entschluss begründet. Und einen Wendepunkt gefordert. Der 67-Jährige unterstreicht damit, was schon die Verfechter des Synodalen Weges um Thomas Sternberg, den Noch-Vorsitzenden des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), und die Frauenbewegung Maria 2.0 nachdrücklich zum Ausdruck gebracht haben: Wenn es so weitergeht in der Katholischen Kirche in Deutschland wie bisher, geht es nicht mehr lange weiter. Und das sagen nicht etwa kirchenferne Kritiker, sondern die Treuesten der Treuen. Längst müssten alle Kirchenglocken im Land Sturm läuten.

Ansehen und Glaubwürdigkeit sind am absoluten Tiefpunkt angekommen, und der immergleiche, ja sture Verweis auf „die Einheit der Weltkirche“ kann keinen Weg weisen aus dieser Sackgasse. Mit seinem Entschluss liefert Kardinal Marx ein beeindruckendes Zeichen der Bereitschaft, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Vor allem aber ist es ein verzweifelter Hilferuf. Wenn Marx schreibt, dass es neben individuellen und administrativen Fehlern „eben auch institutionelles oder systemisches Versagen“ gegeben habe, trifft er die Katholische Kirche in ihrem Kern. Leider vollkommen zurecht.

Es ist so viel faul, dass die Katholiken ihrem Gott ein neues Haus auf Erden bauen müssen. Mit Männern und Frauen und ohne jede falsch verstandene Rücksicht auf die eigene Institution, auf Amts- und Würdenträger. Dafür radikal im Interesse all der Menschen, die glauben wollen und Hilfe suchen – radikal im Sinne von Jesus.

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