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Wie eine Stadt im Westen der Ukraine Putins Aggression trotzt

„In Lwiw schlägt das Leben den Krieg“

Lwiw/Berlin

Für Stefano Carpani ist es selbstverständlich, den Menschen in der Ukraine zu helfen. Und das auch vor Ort im Kriegsgebiet: Der in Berlin lebende Italiener muss nicht lange nachdenken, als er von der Aktion der Stiftung Arché in seiner Heimatstadt Mailand erfährt, Transporter mit Nahrung und Hygieneartikeln nach Lwiw zu fahren.

Von Ludmilla Ostermann

Ein Frühsommerabend in Lwiw: Menschen sind auf der Straße, lauschen einer Live-Band im historischen Stadtkern. Foto: Alessandro Pirovano für Arché

„Schon seit Beginn des Konflikts spüre ich den Drang, im Land selbst auf Seiten der Ukrainer etwas beizutragen“, sagt der Psychoanalytiker.

An einem Mittwochnachmittag Anfang Juni starten zwei Transporter von Mailand in Richtung Osten. Es ist Feiertag in Italien, viel Verkehr auf den Straßen, und der Konvoi kommt nur langsam voran. Carpani und vier andere Freiwillige wechseln sich am Steuer ab. Die 1500 Kilometer lange Strecke lässt viel Zeit zum Nachdenken: „Mir war klar, dass die Situation im äußersten westlichen Teil der Ukraine eine andere sein muss als in Kiew oder Mariupol“, sagt der 43-Jährige. „Aber ich wusste nicht, was mich erwartet. Vielleicht eine Geisterstadt? Vielleicht eine Stadt, in der man die Angst der Bewohner spürt?“

Per Video-Tagebuch halten Stefano Carpani (Zweiter von rechts) und seine Mitstreiter (von links) Elisa Cavoretto, Federica Berton, Alessandro Pirovano und Jacopo Palmieri ihre Freunde und Familien über ihre Reise auf dem Laufenden. Foto:

Die Reise führt die Gruppe quer durch das ehemalige Kaiserreich Österreich-Ungarn, von der früheren südöstlichen Provinz Lombardei bis zur nordwestlichen Provinz Galizien. „Alle Länder auf der Route sind heute souveräne Staaten, die nach dem Zerfall des Imperiums friedlich koexistieren“, sagt Carpani. „Das hat uns einmal mehr die Absurdität des russischen Angriffs auf die Ukraine vor Augen geführt. Sollte dies nicht auch der Ukraine möglich sein nach dem Zerfall der Sowjetunion?“ Die Frage reist mit – durch Österreich, die Tschechische Republik und Polen.

„Ich habe Angst verspürt“

Auf den letzten Kilometern vor der Grenze zur Ukraine überkommt Aufregung die sich ausbreitende Müdigkeit: „Ich habe Angst verspürt“, gibt Carpani zu. Dazu ein schweres Gefühl in der Brust: „Wir hatten gerade noch in einem einfachen polnischen Rasthof zu Mittag gegessen, ganz gemütlich, ein simples aber köstliches lokales Gericht. Und dann trennt uns plötzlich nur noch ein Checkpoint vom Kriegsgebiet.“ In den Wagen herrscht Stille.

Geschafft. Nach 27 Stunden überfahren die Helfer die Grenze zur Ukraine. Foto: Stefano Carpani für Arché

Die Grenzbeamten kontrollieren Papiere und Ladung. Weil sie mit einem Hilfskonvoi reisen, geht die Prozedur für die fünf Freiwilligen relativ schnell vorüber. Relativ: Eine Stunde warten Carpani und seine Mitstreiter auf der ukrainischen Seite, bis sie langsam die ersten Meter über ukrainischen Boden rollen. Mittlerweile sind 27 Stunden seit der Abfahrt aus Mailand vergangen. „Endlich dort zu sein, hat mir großen Respekt eingeflößt“, sagt er.

Raketen waren am Tag zuvor eingeschlagen

Auf den letzten Kilometern bis Lwiw saugen die Reisenden alle Eindrücke in sich auf, mit der Handykamera machen sie Aufnahmen von Tieren am Straßenrand, grüner Landschaft und immer wieder auch Sandsäcken und Brettern auf der Straße. Unbesetzte Checkpoints. Sie und junge Männer in Uniform sind an diesem Tag die einzigen Hinweise darauf, dass sich die Ukraine im Kriegszustand befindet.

Der Konvoi wird sehnlichst erwartet, Carpani und seine Mitstreiter von Vertretern der Partnergemeinde herzlich empfangen – mit einem üppigen Abendessen und Geschichten aus dem Kriegsalltag im Westen der Ukraine. Erst am Tag zuvor waren russische Raketen unweit von Lwiw eingeschlagen. Der Angriff galt einer Bahntrasse, fünf Menschen wurden verletzt.

Sehnlichst erwartet wird der Konvoi mit Hilfsgütern in der ukrainischen Partnergemeinde. Foto: Alessandro Pirovano für Arché

Menschen genießen den Frühling

Die Gespräche mit den Mitgliedern der ukrainisch-griechisch-katholischen Gemeinde in Lwiw haben den Italiener nachhaltig beeindruckt. Die Gastgeber berichten von Touristen, die noch zu Besuch kommen, um das historische Zentrum von Lwiw zu sehen. „Ganz klar ist da der Wunsch nach Normalität. Gleichzeitig finden sich die Menschen in Ausnahmezuständen wieder. Die Realisation, dass da ein Krieg tobt, geschieht langsam und wird verdrängt.“

Die Gruppe ist neugierig und will mehr sehen von der siebtgrößten Stadt des Landes. Das Bild, das sich ihr in der historischen Altstadt bietet, überrascht: Die Straßen sind belebt, die Menschen genießen den Frühling, lauschen der Livemusik, die an allen Ecken spielt. Eisverkäufer, verliebte Pärchen, Kinder und Erwachsene, die Abkühlung an einem Wasserspiel suchen: „Wir haben Leben, Freude, Musik und Liebe vor der Kulisse eines wunderschönen Sonnenuntergangs gesehen. Es war ansteckend“, erzählt Carpani. „In Lwiw schlägt das Leben den Krieg.“

Verwirklichung eines Voyeurismus

Für Carpani ist es nicht die erste Hilfsaktion für die Ukraine. Der Psychoanalytiker hat #TherapistsforUkraine ins Leben gerufen, ein kostenfreies Online-Angebot internationaler Therapeuten für Ukrainer, die unter den Traumata des Krieges leiden. In seiner Youtube-Interview-Serie „War as Reset“ beleuchtet er anhand des Ukraine-Krieges die Natur von Kriegen und welche Auswirkungen sie auf den Menschen haben. Seine Gesprächspartner sind ebenfalls Psychoanalytiker, Soziologen, Historiker oder Kleriker. Der Austausch soll eine Brücke zwischen Psyche und Sozialem bilden und neue Denkanstöße für die Bedeutung von Krieg für die Gesellschaft reflektieren.

Wie auch aus Deutschland starten auch aus anderen europäischen Ländern immer wieder Hilfskonvois in Richtung Ukraine. Foto: Alessandro Pirovano für Arché

Der Abend in Lwiw deshalb ist auch ein Moment, in dem der 43-Jährige in sich kehrt und Selbstkritik übt: „Die Reise in die Ukraine war in gewisser Weise auch die Verwirklichung eines Voyeurismus, den Krieg hautnah zu erleben. Das ist eine sehr privilegierte Sicht von oben auf das Geschehen herab. Wir Westeuropäer können einfach wieder abhauen, wenn es brenzlig wird.“ Die Erfahrungen, die er und seine Begleiter*innen in der Ukraine gemacht haben, seien für die Ewigkeit. „Besonders dieser unbändige Wunsch, das Leben zu leben.“

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