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Roman von Sally Rooney: Bücher für die Generation Netflix

Berlin (dpa)

Die «New York Times» beschreibt Sally Rooneys neuen Roman als eines der meisterwarteten Bücher des Jahres. Die 30-Jährige wurde für ihre Bestseller vielfach ausgezeichnet, eine Verfilmung wurde zum Hit.

Von Lisa Forster, dpa

Das Cover der deutschen Ausgabe des Buches «Schöne Welt, wo bist du» der irischen Autorin Sally Rooney (undatierte Aufnahme). Foto: Claassen/dpa

Mit gerade einmal 30 Jahren ist die irische Autorin Sally Rooney ein Star der Literaturszene. Ihre Bücher wurden ausgezeichnet, verfilmt, sind Bestseller.

Auf ihr erstes Manuskript boten vor fünf Jahren sieben Verlage - was mehr als ungewöhnlich ist. Nun erscheint ihr dritter Roman «Schöne Welt, wo bist du» auf Deutsch beim Claassen Verlag (übersetzt von Zoë Beck). «Wahrscheinlich eines der meisterwarteten Bücher des Jahres», hatte die «New York Times» geurteilt.

Woher kommt dieser Erfolg? Auf den ersten Blick sind Rooneys Geschichten - so auch im neuen Werk - relativ simpel. Junge Leute verlieben sich, kommen zusammen und driften wieder auseinander. Die Protagonisten kreisen viel um sich selbst. Es sind Menschen, die alles in Zweifel ziehen und sich nie entscheiden können - was sie gewissermaßen zu Prototypen der Millennial-Generation macht.

Dass es meistens nicht lange simpel bleibt, wenn Menschen zu Liebespaaren werden, wissen wir. Und so sind natürlich auch Rooneys Erzählungen komplex und kreisen zum Beispiel viel um Machtverhältnisse. Beim Sex, beim Lieben, aber auch im Leben allgemein.

Erzählt wird von vier Menschen Ende zwanzig beziehungsweise in ihren Dreißigern: Alice, eine junge Autorin, hat sich ein verlassenes Haus an einem kleinen Ort an der irischen Küste gemietet. Über Onlinedating lernt sie den Lagerarbeiter Felix kennen. Ihre Freundin Eileen arbeitet bei einer Literaturzeitschrift und trifft sich mit Simon, einem Politikberater. Alice ist sehr erfolgreich, aber erholt sich gerade von einer Depression - Felix wiederum hat kaum Geld, dafür ein gesundes Selbstbewusstsein. Eileen und Simon sind lange Freunde, fühlen sich zueinander hingezogen - doch bestimmte Dinge halten sie davon ab, eine Beziehung einzugehen.

Immer wieder kreisen vor allem die weiblichen Hauptfiguren um die Frage, wie man leben sollte. Ist es zum Beispiel gerechtfertigt, angesichts politischer und ökonomischer Krisen so viel über Beziehungen nachzudenken? Eileen formuliert dazu einen interessanten Gedanken: «Wenn Menschen im Sterben liegen, sprechen sie denn dann nicht immer über ihre Lebenspartner und ihre Kinder? Und ist der Tod nicht einfach die Apokalypse in der ersten Person Singular? Dann gäbe es nichts Größeres als das, was du so verächtlich «trennen und zusammenbleiben» nennst», schreibt sie ihrer Freundin Alice.

Mal abgesehen von den Themen, die im Buch verhandelt werden, ist Sally Rooney vor allem aus einem Grund die prototypische Autorin für die jüngere Generation. Ihre Romane schreien danach, in Serien verwandelt zu werden (im Fall der ersten beiden ist das auch schon passiert - «Normal People» wurde zu einem großen Hit, die zweite Verfilmung ist derzeit im Gange). Sie lesen sich eigentlich wie Drehbücher: Über weite Strecken beschreibt die Erzählerin nur (und das sehr detailliert), was man von außen sehen kann.

Das liest sich zum Beispiel so: «Sie folgte ihm ins Schlafzimmer, und er schloss die Tür hinter ihnen, sagte etwas Unhörbares. Sie lachte, und durch die Tür klang ihr Lachen weicher und musikalisch.» Geht es um Gefühle, beschreibt die Erzählerin diese nicht, sondern deutet sie nur äußerlich an: «Ein Erkennen huschte über ihr Gesicht.»

Trotzdem bekommen die Leserinnen und Leser auch Einblicke in das Innenleben der Figuren, und das erreicht Rooney durch einen erzählerischen Kniff: Die beiden Frauen schreiben sich E-Mails, in denen sie sehr ausführlich (und etwas angestrengt) reflektieren, was mit ihnen und in der Welt geschieht. Sie sprechen über ihr Liebesleben, aber zum Beispiel auch darüber, was Schönheit heutzutage bedeuten kann oder was gute Literatur ist.

Der Fokus auf den Blick von außen und die vielen Dialoge machen klar: Sally Rooney schreibt Bücher für die Generation Netflix. Man hat das Gefühl, eigentlich eine Serie zu schauen, und gleichzeitig das Verlangen, die Geschichte zu «binge»-lesen (ein englisches Wort, das übersetzt etwa «Gelage» bedeutet und das sich in Bezug auf exzessives Serienschauen durchgesetzt hat): Also, so viel wie möglich an einem Stück zu lesen.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum die Bücher so erfolgreich sind. Sie machen gewissermaßen süchtig. Und haben dabei den Vorteil, dass man sich nach einem Roman praktischerweise nicht so schuldig fühlt wie nach einem Serienmarathon.

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