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Beziehungsroman

«Unser Glück»: Vom Wahnsinn der Wohnungssuche

Berlin (dpa) –

Traumwohnung oder Familienglück? Manchmal muss man sich entscheiden. Ein aktueller Roman über die Exzesse auf dem Wohnungsmarkt.

Von Sibylle Peine, dpa

Cover des Buches «Unser Glück» von Natalie Buchholz. Foto: Penguin Verlag/dpa

Eine bezahlbare Wohnung in beliebten Großstädten zu finden, gehört heutzutage zu den härtesten Prüfungen überhaupt. Im harten Wettbewerb um das heiß begehrte Mietobjekt kämpfen Kandidaten mit allen Mitteln.

Da werden Eigentümer hemmungslos umschmeichelt, oder es werden besondere Dienste offeriert, wie zum Beispiel kostenlose Gartenpflege und Ähnliches. Not und Verzweiflung treiben bei den Wohnungssuchenden bisweilen kuriose Blüten.

Vor diesem aktuellen Hintergrund spielt der neue Roman von Natalie Buchholz, die vor vier Jahren den Sprung von der Lektorin zur Autorin wagte. Ihr Erstlingswerk «Der rote Swimmingpool» wurde von Lesern wie Kritikern sehr positiv aufgenommen. Ihr neues Buch erzählt die Geschichte eines jungen Paares, das bereit ist, sich für seine Traumwohnung auf ein bizarres Arrangement einzulassen und so das Leben der Familie auf eine harte Belastungsprobe stellt. Der Titel «Unser Glück» ist allenfalls als Ironie zu verstehen.

Coordt, Franziska und ihr kleiner Sohn leben wie so viele andere Menschen in München in beengten Verhältnissen. Es ist fast unmöglich, eine größere Bleibe zu einem bezahlbaren Preis zu finden. Doch eines Tages scheint ihnen unverhofft das große Glück zu winken: eine wunderbar renovierte geräumige Altbauwohnung, die überraschenderweise noch nicht vergeben ist. Bald wissen sie warum. Denn ein Zimmer der Wohnung ist von einem Mitbewohner belegt, den sie quasi mit «übernehmen» müssen. Trotzdem scheint der Deal akzeptabel, denn der Mitbewohner, der sich als Ex-Mann der Eigentümerin entpuppt, macht sich zunächst kaum bemerkbar. Außerdem wird gemunkelt, dass er bald das Zeitliche segnen wird.

Nach und nach allerdings empfindet Coordt den Mitbewohner als beunruhigenden Fremdkörper, der das Familienglück stört. Seine Irritation wächst, als er feststellt, dass sich Franziska dem todkranken Mann annähert. Dieser treibt die Sache auf die Spitze, als er das Paar mit einem unmoralischen Angebot konfrontiert: Wenn Franziska ihn bis zu seinem Tod pflegt und Coordt während dieser Zeit auszieht, bekommt die Familie die elegante und wertvolle Wohnung als Erbe übertragen. Überraschenderweise akzeptiert das Paar diese giftige Offerte mit unabsehbaren Konsequenzen. Wie sich herausstellt, haben sie sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen.

Der Roman ist ein bisschen Krimi, ein bisschen Gesellschafts- und ganz viel Beziehungsroman. Denn in vielen Rückblicken wird aus Sicht des Ehemannes die fragile Liebesgeschichte zwischen Coordt und Franzsika beleuchtet. Es ist eine moderne Beziehung, bei der emotionale und materielle Aspekte immer wieder neu austariert und verhandelt werden müssen. Für die unbehaust aufgewachsene und labile Franziska haben finanzielle Sicherheit und Komfort einen wesentlich höheren Stellenwert als für Coordt, der für den Familienzusammenhalt und seine Rolle als Vater kämpft. Er hat die «moralischeren» Argumente und zieht die Leser damit auf seine Seite.

Man kann dem Roman ein Gespür für gesellschaftliche Brisanz und eine gewisse unheilschwangere Spannung nicht absprechen. Dennoch wirkt das Ganze am Ende nicht überzeugend. Das liegt vor allem daran, dass der Deal, an dem die gesamte Geschichte hängt, doch allzu haarsträubend erscheint. Man fragt sich, ob sich ein vernünftiger Mensch jemals auf so etwas einlassen würde und verneint es innerlich. Doch wer weiß, was in Zeiten extremer Wohnungsnot so alles möglich ist.

Natalie Buchholz: Unser Glück, Penguin Verlag, München, 224 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-328-60188-3

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