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Komisch und berührend: Maren Ades Filmjuwel «Toni Erdmann»

Berlin (dpa)

Dieser Film hat in Deutschland und Europa so ziemlich jeden Preis bekommen, bei den Oscars ging er dann aber leer aus. «Toni Erdmann» glänzt mit herausragenden Stars und seinem Mix aus Drama und Humor.

Von dpa

Mitwirkende im Film «Toni Erdmann»: Jonas Dormbach (l-r), Peter Simonischek, Sandra Hüller, Maren Ade und Janine Jackowski kommen zur 74. Verleihung der Golden Globe Awards (2017). Foto: picture alliance / Hubert Boesl/dpa

Jemand anderes zu sein. Das wäre manchmal doch toll. In eine Rolle schlüpfen und Dinge tun, die man sich sonst nie trauen würde. Ausbrechen aus den Konventionen und selbst auferlegten Pflichten.

Würde das wirklich Freiheiten schaffen? Oder doch nur andere vor den Kopf stoßen und verletzen? Genau dies ist eines der Themen, mit denen sich die deutsche Regisseurin Maren Ade in ihrem Kino-Hit «Toni Erdmann» aus dem Jahr 2016 beschäftigt hat. Es ist eine Tragikomödie über einen Vater und dessen entfremdete Tochter. Klug, komplex, berührend, tief traurig, etwas überdreht und wahnsinnig komisch. Der Film läuft am Samstag um 23.25 Uhr auf 3sat.

Im Mittelpunkt stehen Winfried und Ines. Er ist ein lebenslustiger Musiklehrer um die 60, mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen, der sein Spaß-Gebiss immer in der Brusttasche parat hat. Schon die erste Szene mit ihm verdeutlicht seinen schrägen Humor. Viel nüchterner sieht dagegen die Welt von Ines, Ende 30, aus. Sie ist erfolgreiche Unternehmensberaterin für einen großen Konzern und trimmt andere Firmen auf Effizienz. In der männerdominierten Welt will sie sich bei einem Projekt in Rumänien beweisen und weiter Karriere machen.

Da platzt dann aber Winfried hinein. Sein Hund ist tot, er sucht die Nähe zur ihm fremd gewordenen Tochter. Der passt das gar nicht, es kommt zum Eklat, und Winfried reist scheinbar ab - um dann als Toni Erdmann verkleidet wieder zurückzukommen: schiefe Zähne, zauselige Perücke, Jutebeutel über der Schulter und ein lautes Lachen.

Ein Mann schert sich nicht um Konventionen

Toni Erdmann schert sich nicht um Konventionen der Wirtschaftswelt und hat zu Ines' Überraschung genau damit Erfolg. Vor allem jedoch gelingt dieser überdrehten Kunstfigur, was Winfried als Vater so wohl nicht geschafft hätte: Er hält Ines einen Spiegel vor und öffnet ihr die Augen über die Absurditäten und die Leere ihres Lebens.

Das mag banal klingen, ist es bei Maren Ade aber nicht. Der Regisseurin gelingt es, die Zuschauer auf über zweieinhalb Stunden immer wieder zu überraschen. Wohin die Geschichte geht, welche Wendungen sie nimmt, das bleibt bis zum Schluss offen. Zudem beweist die 1976 geborene Filmemacherin nach Werken wie dem Beziehungsdrama «Alle Anderen» einmal mehr ihr Gespür für das richtige Tempo und die ausgewogene Balance zwischen Dramatik und Humor.

So lässt sie ihren Hauptfiguren Zeit, sich bei all ihren unausgesprochenen Konflikten anzuschweigen, nur um wenig später auf präzise pointierte Gags zuzusteuern. Nebenbei spricht Ade drängende Themen unserer Zeit an, wie das Verschmelzen von Beruf und Freizeit, Sexismus am Arbeitsplatz, Hierarchien zwischen Ost- und Westeuropa.

Herausragende Darsteller

Getragen wird «Toni Erdmann» dabei von den beiden herausragenden Hauptdarstellern. Sandra Hüller und Peter Simonischek, beide profilierte Theaterschauspieler, verkörpern dieses Tochter-Vater-Duo so natürlich, dass man ihnen noch so abstruse Entwicklungen abnimmt.

Hüller passt perfekt in die Rolle der starken und doch verletzlichen Frau, die ausgerechnet mit dem schmalzigen Whitney-Houston-Song «The Greatest Love of All» ihren Schlüsselmoment hat. An ihrer Seite brilliert Simonischek, der in einer Art Doppelrolle als Vater und Toni Erdmann verzweifelt versucht, wieder eine engere Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen.

Bei seiner Weltpremiere beim Filmfestival Cannes wurde «Toni Erdmann» 2016 von internationalen Zuschauern und Kritikern gleichermaßen gefeiert, ging dann aber bei der Preisvergabe am Ende höchst umstritten völlig leer aus. Danach räumte er in Deutschland eine Reihe von Auszeichnungen ab, war jedoch beim Oscar ohne Glück.

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