1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Überregional
  4. >
  5. Kunst
  6. >
  7. Klöster und Abteien: Frankreichs neue Kunsttempel

  8. >

Neue Nutrzung

Klöster und Abteien: Frankreichs neue Kunsttempel

Deauville/Fontevraud-l'Abbaye (dpa) –

Sie dienten dem Rückzug aus der profanen Welt, der Ausübung des Glaubens. Nun werden in Frankreich immer mehr Klöster, Kirchen und Abteien zu Museen und Kulturzentren.

Von Sabine Glaubitz, dpa

Der Leuchter ist 400 Quadratmeter groß und besteht aus 14 285 Polycarbonat-Röhren. Wie eine Wolke hängt er unter der Glasdecke, mit der der ehemalige Innenhof des Franziskanerklosters in Deauville überdacht wurde.

Heute befindet sich in dem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert in dem mondänen Seebad in der Normandie ein Kunst- und Kulturzentrum. Das rund 25 Millionen Euro teure Projekt liegt nur einen Steinwurf von der bekannten Strandpromenade «Les Planches» entfernt, Laufsteg von Stars beim jährlich stattfindenden amerikanischen Filmfestival. 

Deauville, Avignon, Nizza, Mauléon, La Ferté-Macé: Französische Städte, in denen allein seit Anfang des Jahres Klöster, Kirchen und Kapellen eine neue Bestimmung als Museum, Kunst- und Kulturzentrum gefunden haben. Deauville gehört dabei zu den spektakulärsten Metamorphosen. Dabei hat dem französischen Architekten und Szenografen Alain Moatti als Inspirationsquelle der normannische Himmel gedient. 

Tagsüber fange das Glasdach bei Sonne oder aufziehenden Wolken alle Nuancen des typischen Himmels über Deauville ein, abends erfülle diese Aufgabe der Kronleuchter, erklärt Moatti. Das Ergebnis: ein lichtdurchflutetes Gebäude.  

Frankreich ist mit rund 90 000 denkmalgeschützten Gebäuden einer der größten Besitzer religiösen Erbes der Welt. Bis 2030 sollen laut dem Observatorium für religiöses Kulturerbe zehn Prozent dieses Bestands verkauft, zerstört oder aufgegeben werden. Der Organisation zufolge nimmt die Zahl stetig zu. Zwischen 2017 und 2019 sollen allein knapp 100 Kirchen zweckentfremdet worden sein – vor allem zu Kunsträumen. 

Zu den Abteien, die in ihren Gemäuern ein Museum eröffnet haben, gehört auch Fontevraud im Loire-Tal, die als größtes klösterliches Gebäude Europas gilt. Der Komplex, in dem sich Romantik, Gotik, Renaissance und andere Stile vereinen, gehört seit 2000 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Das Mitte Mai eröffnete, rund 1200 Quadratmeter große Museum für zeitgenössische Kunst liegt in dem ehemaligen Stallungsgebäude gleich am Eingang des Ensembles. Es beherbergt einen Teil der Privatsammlung des Industriellen Léon Cligman und seiner Frau, der Künstlerin Martine: rund 900 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Henri de Toulouse-Lautrec, Edgar Degas, Robert Delaunay, André Derain und Germaine Richier. 

Die im 12. Jahrhundert gegründete Abtei unterstand Äbtissinnen, die sehr mächtig waren. Sowohl Priester als auch das französische Königshaus hörten auf die direkt dem Papst unterstellten Benediktinerinnen. Nachdem die gemischte Königsabtei während der Französischen Revolution stark beschädigt wurde, wurde sie unter Napoleon (1769-1821) zu einem Gefängnis und blieb dies bis 1963. Vielen religiösen Stätten widerfuhr nach der Revolution von 1789 ein ähnliches Schicksal.

Von den vier ursprünglichen Klöstern von Fontevraud sind heute noch zwei erhalten, darunter das Kloster Grand-Moûtier, das die Abteikirche und die Benedikt-Kapelle beherbergt, die ebenfalls mit zeitgenössischen Werken bespielt werden. Das Priorat Saint-Lazare wurde bereits in ein Hotel und ein Michelin-Sterne-Restaurant umgewandelt.

Einer der Fachleute, die zur Öffnung des Immobilienmarktes für religiöse Gebäude beigetragen haben, ist Patrice Besse. Auf seiner Webseite finden sich derzeit mehr als 15 Angebote denkmalgeschützter Abteien, Priorate, Kirchen und Landkapellen. Die Preise sind sehr niedrig, denn Umbau und Renovierung sind aufwendig und kostspielig. 

Für den Immobilienhändler hat der Trend 2016 begonnen. Seinen Schätzungen zufolge dürften 25 bis 50 Prozent der Kirchen in den kommenden Jahren zum Verkauf angeboten werden, wie er der Tagezeitung «Le Parisien» sagte. Bei seinen Transaktionen arbeitet Besse hauptsächlich mit Diözesen zusammen. Denn mit dem Gesetz der Trennung zwischen Kirche und Staat im Jahr 1905 gingen viele der religiösen Gebäude, die vorher im Besitz der Gemeinden oder des Staates waren, an die Bistümer über. Die Diözesen hätten keine Mittel mehr, um das Erbe zu bewahren, erklärte Besse.   

In Frankreich finanzieren sich die Glaubensgemeinschaften vor allem durch freiwillige Beiträge der Gemeindemitglieder. Durch die coronabedingte Schließung der Gotteshäuser entstanden Millionenverluste. Die Französische Bischofskonferenz hat den Verlust für die römisch-katholische Kirche in dem Land auf 90 Millionen Euro geschätzt. 

Startseite