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Antikriegssong

40 Jahre «99 Luftballons» von Nena

Hamburg (dpa)

«99 Luftballons» der Band Nena gehört zu den bekanntesten Hits der Neuen Deutschen Welle. Sogar die amerikanischen Charts stürmte der Song. 2023 fliegen die «99 Luftballons» seit 40 Jahren um die Welt.

Von dpa

Popsängerin Nena mit ihrer Band bei einem Auftritt 1984. Foto: Gerecht/dpa

«Hast du etwas Zeit für mich? Dann singe ich ein Lied für dich von neunundneunzig Luftballons auf ihrem Weg zum Horizont» - Den Anfang von «99 Luftballons», des bekanntesten Songs der Band Nena, können bestimmt die meisten Menschen mitsingen, die in den 1980er Jahren aufgewachsen sind.

Gehört das Lied über die Luftballons, die ein General für Ufos aus dem All hielt und deshalb eine Fliegerstaffel hinterherschickte, doch zu den bekanntesten Hits der Neuen Deutschen Welle (NDW). Auch weltweit feierte der Song, der am 24. Januar 1983 erstmals in den deutschen Single-Charts auftauchte, Erfolge und stürmte sogar die Charts in den USA.

Ballons fliegen über die Berliner Mauer

Die Idee zum Liedtext kam dem Band-Gitarristen Carlo Karges 1982 bei einem Rolling-Stones-Konzert in West-Berlin, als Mick Jagger am Ende der Show Ballons hochsteigen ließ, die der Wind Richtung Mauer trug. «Carlo hat sich bei diesem starken Bild damals die Frage gestellt, was alles passieren könnte, wenn das jemand falsch versteht», erinnert sich Sängerin Nena heute. Noch in derselben Nacht habe er den Text geschrieben.

Wenig später hatte der Keyboarder der Band, Uwe Fahrenkrog-Petersen, eine Melodie im Kopf, als er im Auto zum Probenraum unterwegs war. Er probte sie dort mit dem Schlagzeuger Rolf Brendel und dem Bassisten Jürgen Dehmel, als Karges dazukam und sagte, dass er einen Text geschrieben habe, der genau auf diese Melodie passe.

Bis heute gehört der Song zu den bekanntesten deutschen Liedern in der englischsprachigen Welt - und auch für die Sängerin Nena hat er eine besondere Bedeutung. «Ich liebe dieses Lied. Solange ich auf der Bühne stehe, wird es kein Nena-Konzert ohne die Luftballons geben», sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. «Wir reisen seit 40 Jahren gemeinsam um die Welt und haben schon viel miteinander erlebt.»

Der Song passte perfekt in die Zeit

Nur über die Zeile «Seh′ die Welt in Trümmern liegen» sei sie schon früher immer wieder gestolpert. «Es waren nur zwei kleine Worte, die es brauchte. Seitdem singe ich: "Ich seh die Welt noch nicht in Trümmern liegen!" - Es liegt in unserer Hand. Ich glaube an uns Menschen und vertraue darauf, dass wir alle tief in unseren Herzen wissen: Wir gehören zusammen.»

Als das Lied 1983 nach dem ersten Hit der Band «Nur geträumt» (1982) erschien, herrschte die letzte Phase des Kalten Krieges. Nach dem Nato-Doppelbeschluss begann 1983 in Deutschland die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen. Die Menschen wehrten sich gegen diese Bedrohung und organisierten sich in der Friedensbewegung, es gab große Demonstrationen gegen die geplante Aufrüstung.

«Die "99 Luftballons" passten einfach in die Zeit. Einerseits war in dem Song das Friedensthema präsent − allerdings ohne wirklich Protest zu formulieren oder zum politischen Widerstand aufzurufen. Andererseits befand sich die Neue Deutsche Welle auf ihrem Höhepunkt, sie eroberte selbst die Hitparade im ZDF», sagt Prof. Michael Fischer, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik an der Uni Freiburg.

«Schon beim Lesen der ersten Zeilen lief mir ein Schauer über den Rücken und ich wollte das sofort singen. Ab dann war das nicht mehr aufzuhalten», sagt Nena. Dabei habe die Plattenfirma damals gemeint, der Song habe «keinen Refrain» und sei «nicht kommerziell genug».

Bis auf Platz eins der UK-Charts

Ähnlich märchenhaft entstand der Erfolg von «99 Luftballons» in den USA: Als Christiane Felscherinow sich in Los Angeles aufhielt, um den Film «Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» zu promoten, war sie Gast in der Show des bekannten Radiomoderators Rodney Bingenheimer. Als der Moderator sie nach den Trends in Deutschland fragte, reichte sie ihm eine Kassette mit «99 Luftballons».

Bingenheimer gefiel der Song so gut, dass er ihn in der Folge öfters auflegte. Andere Radiostationen und der Musiksender MTV folgten. Bald wurde der Song nicht nur in den USA, sondern auch in Japan, Mexiko, Kanada und Australien ein Riesenhit. 1984 schaffte die englischsprachige Version («99 Red Balloons») den Sprung auf Platz eins der UK-Charts.

«Der Nena-Song gehört nicht nur zur Geschichte der Neuen Deutschen Welle, sondern zur bundesdeutschen Politik- und Kulturgeschichte überhaupt. Dass der Song oft weniger politisch verstanden, sondern dazu getanzt, gelacht und mitgesungen wurde, mindert nicht seine historische Bedeutung», sagt Fischer. Ähnlich wie «Ein bisschen Frieden», mit dem Schlagersängerin Nicole 1982 den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewann, thematisiere der Song den Wunsch der Menschen nach Frieden. «Und dass Frieden neben Gerechtigkeit der zentrale Wert der Menschheit darstellt, dürfte angesichts der heutigen Kriege, insbesondere seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine, überdeutlich sein», meint der Musikexperte.

Und auch für die Sängerin Nena selbst hat das Lied keinen Moment an Wahrhaftigkeit und Aktualität verloren. «In allen Ländern, in denen wir Konzerte gespielt haben, wurden die Luftballons als Friedensbotschaft verstanden. Und Frieden ist und bleibt immer relevant für uns als Menschenfamilie auf dieser Erde.»

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