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Kommentar zur Corona-Politik

Am Wendepunkt

Als die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten zu ihrem jüngsten Corona-Gipfel zusammenkamen, war die Entwicklung der Inzidenzwerte durchweg positiv, und doch wurde am Ende aus der Sorge vor den Virus-Varianten die Zielmarke verschärft – 35 sollte das neue 50 sein.

Ulrich Windolph

Stete Mahnerin in der Pandemie: Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: imago images/MiS

Nun folgt Teil 2 des Corona-Paradoxons. Denn wenn die Bund-Länder-Runde am Mittwoch wieder tagt, ist es umgekehrt: Obwohl die Inzidenzwerte zuletzt nicht weiter gefallen sind, sondern stagnieren oder gar wieder leicht steigen, wird allerorten an Lockerungsplänen gebastelt. Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass diese Lockerungen kommen werden.

Schon überbieten sich die Länder gegenseitig mit ihren Stufenplänen und Öffnungsszenarien. Erneut droht dabei ein Regelungswirrwarr und schlimmer noch große kommunikative Kakophonie. Doch diesen offenbar schwer vermeidbaren Ärgernissen zum Trotz ist es richtig und überfällig, dass auch aus dem „Team Vorsicht“ ein „Team Vorausschau“ wird.

Denn zum einen ist es so, dass die mehrheitlich immer noch vorsichtigen und sehr disziplinierten Deutschen eine Dosis Hoffnung und Zuversicht dringend gebrauchen können. Die nur zu verständliche Pandemie-Müdigkeit und der wachsende Unmut sind unübersehbar. Zudem haben wir mehr und mehr Mittel, dem Virus und seinen Mutationen klüger zu begegnen als nur mit einem Lockdown in Endlosschleife.

Vielfältige Erfahrungen auf lokaler Ebene – von Tübingen über Rostock bis hin zum Landkreis Böblingen, um nur einige Beispiele zu nennen – und auf internationaler Ebene (Israel, England, Südkorea und Dänemark) machen deutlich, dass es längst an der Zeit ist, die daraus resultierenden Erkenntnisse auch hierzulande flächendeckend und zugleich den regionalen Gegebenheiten angepasst, in konkrete Politik umzusetzen.

Was das bedeutet? Vor allem mehr Tempo beim Impfen samt der dazu womöglich notwendigen Änderung der Impfreihenfolge, damit keine einzige Dosis Astrazeneca ungenutzt bleibt. Hinzu kommen ein flächendeckender Einsatz von Schnelltests und die beherzte Nutzung digitaler Helfer, wie sie unter anderem die Luca-App zur verschlüsselten Kontaktdatenübermittlung samt Nachverfolgung darstellt.

Die Erwartungen an die Ministerpräsidentenkonferenz mit Angela Merkel sind hoch – und das völlig zu Recht. Deutschlands Corona-Politik steht an einem Wendepunkt: Am Mittwoch müssen die richtigen Weichen gestellt werden.

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