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Kommentar zum WDR-Beitrag

Das ist keine Lappalie

Ja, das ist ein Skandal. Wenn es kein Skandal wäre, hätte sich der WDR-Intendant nicht persönlich eingeschaltet. Tom Buhrow hat die Tragweite dieses Vorgangs erkannt und versucht nun zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Andreas Schnadwinkel

Symbolbild. Foto: Oliver Berg/dpa

Im Gegenteil. Die meisten Reaktionen aus dem Funkhaus am Kölner Appellhofplatz machen die Sache nicht besser. In einer Stellungnahme schreibt der Leiter des WDR-Kinderchores davon, dass mit dem Lied „der Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn genommen werden“ solle. Dieser angebliche Generationenkonflikt wegen des Klimaschutzes findet wohl nur im Kopf des Chorleiters statt oder soll mutwillig erzeugt werden. Die Mädchen, die da singen, wissen nicht, was sie singen. Ihnen ist gesagt worden, dass das witzig sei. Sie beleidigen ihre Großmütter.

Auch der Versuch, sich mit dem Label „Satire“ zu retten, ist zum Scheitern verurteilt. Wenn dieses Lied eine Satire sein soll, dann worauf? Auf Indoktrination in totalitären Systemen, auf den ideologischen Drill von Kindern im Faschismus, Kommunismus und Nationalsozialismus? In diesem Fall ginge das Lied als Satire durch.

Dass sich obendrein ein WDR-Mitarbeiter bei Twitter dazu hinreißen lässt, die „Umweltsau“ zur „Nazisau“ zu steigern, steht für die Radikalisierungen in der Klimadebatte.

Derzeit ist viel von vermeintlichen Analogien der 1920er Jahre zu den beginnenden 2020er Jahren die Rede. Man kann den Gedanken für übertrieben halten, aber wenn im Zusammenhang mit der Großeltern-Generation Begriffe wie „Umweltsau“ und „Nazisau“ benutzt werden, dann erinnert das an „Judensau“. „Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau“ hatten antisemitische Freikorpssoldaten über den Reichsaußenminister gesungen, bevor dieser 1922 ermordet wurde.

Und heute? Muss es wieder „Wehret den Anfängen!“ heißen? Was bedeutet es, wenn die Großmutter als „Umweltsau“ bezeichnet wird, SUV-Fahrer von Klima-Aktivisten an der Weiterfahrt gehindert und grüne Hausnummern für „nachhaltige Lebensweise“ verteilt werden? Eine Gruppe der Gesellschaft (Großeltern und SUV-Fahrer) wird von einer anderen Gruppe (selbsternannte Klimaschützer) als schädlich definiert und stigmatisiert. Das sind Ansätze von Faschismus, nicht mehr und nicht weniger. Wer solche Vorfälle als harmlos abtun will, hat von der Entwicklung dieser Gesellschaft nicht viel verstanden, will es nicht verstehen oder begrüßt diese Entwicklung.

Der WDR muss diesen Skandal vollständig und transparent aufklären. Wie konnte es zu diesem Lied kommen? Wer hat es geschrieben? Und wer ist für Aufnahme und Ausstrahlung verantwortlich? Da reicht keine läppische Twitter-Botschaft. Und auch keine Entschuldigung des Intendanten.

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