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Kommentar zu Europas Grenzen

Das sind wegweisende Staus

Die älteren Brandenburger und viele Ostreisende vergangener Zeiten werden sich erinnern. Bis in die frühen Nullerjahre hinein waren schier endlose Staus vor der Oderbrücke bei Frankfurt die Regel. Wenn es ganz schlimm kam, reichten die Blechschlangen 80 Kilometer zurück bis vor die Tore Berlins. Freie Fahrt war die absolute Ausnahme.

Ulrich Krökel

Brandenburg, Falkenwalde: Lkw stauen sich auf der Autobahn 11 Berlin-Stettin (Szczecin) vor dem deutsch-polnischen Grenzübergang Pomellen. Foto: Stefan Sauer/dpa

Dann traten Polen und die meisten übrigen Staaten des ehemaligen Ostblocks der EU bei und bald darauf auch dem Schengenraum. Die Kontrollen an den Grenzen fielen weg. Und plötzlich waren Staus die absolute Ausnahme.

In Zeiten der Corona-Pandemie ist nun alles wieder anders. Die Kon­trollen sind zurück. Hinzu kommt ein vereinfachter Virencheck. Als Folge stauten sich die Lkw in den vergangenen Tagen wieder bis zum Berliner Ring. Nicht besser war es in Sachsen, wo alle, die Richtung Breslau unterwegs waren, schon bei Bautzen nicht mehr weiterkamen, 60 Kilometer vor der Grenze.

Alles ist wie einst vor dem Mai 2004. Nur dass die Lieferketten, der Pendlerverkehr, der Tourismus und überhaupt die wechselseitige Durchdringung der Volkswirtschaften und Gesellschaften längst ein viel höheres Niveau erreicht haben als zur Jahrtausendwende.

An der deutsch-polnischen Grenze lässt sich deshalb in diesen Tagen wie im Laborversuch besichtigen, was es bedeuten würde, wenn sich die Staaten Europas wieder auf ihre kleingeistige Nationalstaaterei zurückziehen wollten.

Genau das aber ist bekanntlich das Credo vieler Rechtspopulisten in West und Ost. Nun zeigt sich: Der Verlust an Freiheit, Wohlstand, kulturellem und sozialem Austausch wäre unermesslich, sollte sich die Europäische Union weiter selbst demontieren – woran viele nationale Staatenlenker in der EU derzeit kräftig zu arbeiten scheinen.

In diesem Sinn sind die aktuellen Staus wegweisend. Im besten Fall finden wir nach der Epidemie in Europa gemeinsam die Ausfahrt Richtung Zukunft. Im schlimmsten Fall fahren wir gemeinsam gegen die Wand. Nichts ist bislang entschieden. Die Coronakrise hat das Potenzial, in der EU heilend zu wirken. Oder tödlich.

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