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Hasskampagnen im Internet

Der Appell an Fairness reicht nicht

Von Dietmar Kemper

Cybermobbing und Shitstorms: Immer mehr Menschen werden Opfer von Hass im Internet. Foto: dpa

»Wer den Schiedsrichter beleidigt, wird vom Sportplatz verwiesen«: Hinweisschilder wie diese konnten das Pöbeln auf den Zuschauerrängen zwar nicht verhindern, drohten aber immerhin mit einer Strafe. Kaum etwas zu befürchten haben diejenigen, die im Internet jemanden beleidigen, verunglimpfen, verdächtigen und mit Schimpfwörtern überziehen. Es reicht schon ein vermeintlich falsches Wort eines Politikers, Musikers, Schauspielers oder Sportlers, um eine Welle von Beschimpfungen und Hasstiraden auszulösen. Feige unter Pseudonym spielen sich Menschen als moralische Scharfrichter auf oder schütten kübelweise Häme auf »Versager«, wie zum Beispiel die junge Frau, die bei Günther Jauchs »Wer wird Millionär?« gleich an der ersten Frage scheiterte.

Shitstorms sind die hässlichste Fratze des Internets. In ihnen werden Menschen aus nichtigen Anlässen fertiggemacht – so wie einst Markus Lanz, gegen den nur deshalb eine Internetpetition angestrengt wurde, weil er in seiner Talkshow Sahra Wagenknecht ins Wort fiel. Deshalb müsse das ZDF den Mann feuern, forderten Tausende allen Ernstes. Angesichts des Wahnsinns, der sich im Internet abspielt, muss man wohl eher von Schwarmdummheit statt Schwarmintelligenz sprechen.

Woher bezieht die Häme-Gesellschaft ihr Futter? Meistens aus dem Fernsehen. Castingshows wie »Deutschland sucht den Superstar« oder »Das Supertalent« werden nicht zuletzt deshalb eingeschaltet, um sich über Menschen lustig zu machen, die nur glauben, sie könnten singen und tanzen. Und »Bauer sucht Frau« schaut so mancher, weil er sich über die unbeholfenen Flirtversuche einsamer Landwirte amüsieren möchte. »Ich bin besser und klüger als die«: Wer sagt sich das nicht gern? Abgesehen von TV-Auftritten machen sich Prominente durch Äußerungen bei Twitter oder Facebook angreifbar.

Was lässt sich gegen die widerlichen Hasskampagnen unternehmen? Appelle an Fairness und Sachlichkeit würden im Sande verlaufen. Dirk Heckmann, Professor für Internetrecht in Passau, hat recht, wenn er eine Art Cybermobbing-Gesetz fordert, wie es das in Österreich bereits gibt. Wer pöbelt, muss Konsequenzen spüren, sozusagen des Internets verwiesen werden. Natürlich wird es schwerfallen, das Netz gründlich zu überwachen, aber Melde-Buttons, die von den Providern eingebaut werden, würden die Suche vereinfachen. Auch eine Pflicht, unter dem Klarnamen zu schreiben, könnte manchen Verbalrüpel abschrecken.

Um es klar zu sagen: Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt. Die Betroffenen leiden schwer unter den vernichtenden, ehrabschneidenden Kommentaren und gar nicht wenige denken sogar über Selbstmord nach. Das Internet wird nie ganz sauber, aber es muss weniger dreckig werden.

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