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Kommentar zu Trump und Tiktok

Der nächste Knalleffekt

Tiktok verbieten? Wie so oft bei Donald Trump fragt man sich: Tickt der noch ganz richtig, der US-Präsident?

Andreas Kolesch

Die Kurzvideo-App Tiktok ist vor allem bei Jugendlichen beliebt. Foto: dpa

Trumps Sorge, dass diese von einem chinesischen Unternehmen entwickelte Mitmach-Videoplattform Daten von Millionen US-Bürgern an die chinesische Regierung durchreichen könnte , muss man nun wirklich nicht teilen. Es sei denn, das oft krass vollpubertäre Gebaren von Teenagern auf dem Vollplayback-Karaoke-Kanal gehört zu den besonders schützenswerten US-Regierungsinformationen. Oder will Trump die jungen Leute auf diesem Wege gar davor schützen, sich in peinlichen Posen im Netz zu verewigen? Diesem Argument würden Eltern von Tiktok-Fans zwischen 13 und 19 wahrscheinlich sogar etwas abgewinnen können.

Spaß beiseite: Trump offenbart abermals, dass er vor den nahenden Präsidentschaftswahlen wirklich jeden möglichen Knalleffekt nutzt, um sich in Szene zu setzen. Und dass er hemmungslos Vorurteile schürt, um die solcherart erzeugten Ressentiments in der Wählerschaft sofort ausnutzen zu können. Gelassenheit im Umgang mit Kritikern ist Donald Trumps Sache ohnehin nicht. Dass er auf Tiktok bisweilen verhohnepipelt wurde, wird er so schnell nicht vergessen.

Wahrer Kern

Da ist Trump ausnahmsweise mal ganz bei seiner Partei, die ja den Elefanten als Wappentier führt. Vielleicht ist es ja auch bloß eine besondere Form der Wirtschaftsförderung. Der US-Softwareriese Microsoft könnte das Nordamerika-Geschäft von Tiktok übernehmen oder zumindest als eine Art Datenschutzwart auftreten. Die Verhandlungsposition von Microsoft dürfte durch Trumps Verbotsgerede jedenfalls nicht gerade geschwächt worden sein.

Wie so oft bei Trumps Vorstößen gibt es auch bei der Diskussion über Tiktok und den Datenschutz einen wahren Kern, über den sich tatsächlich trefflich diskutieren ließe. Die Videoplattform hat es anfangs mit dem Schutz der Nutzerdaten ja tatsächlich alles andere als ernst genommen.

Altersgrenze als Feigenblatt

Und die zwischenzeitlich eingeführte Altersgrenze von 13 Jahren dürfte auch eher ein Feigenblatt sein. Mittlerweile weiß nicht nur in den USA jeder Grundschüler, wie sich solche Hemmnisse umgehen lassen. Das aber trifft ja nicht nur auf Tiktok zu. Auch US-Giganten wie Facebook gehören ja nicht eben zu den besten Freunden der weltweiten Datenschützergemeinde.

Eines allerdings ist wirklich beunruhigend: Mit dem Tiktok- Vorstoß setzt Trump seine Serie von Nadelstichen gegen China fort. Längst kocht da ein neuer kalter Krieg hoch. Die chinesische Regierung hat auf Trumps diplomatische Provokationen einschließlich Konsulatsschließung bislang halbwegs gemäßigt reagiert. Mit Trumps Tiktok-Vorstoß sollte sie am besten so umgehen wie Eltern mit den Machwerken ihrer Sprösslinge: einfach weghören.

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