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Kommentar zu Papst Franziskus

Die Kardinalfrage

Keine Frage: Für viele Menschen spielt der Glaube heute kaum noch eine Rolle. Insofern kann ihnen gleichgültig sein, was ein Kirchenführer fordert – egal, welcher Religion er ist. Von dem allerdings, was Papst Franziskus in der Sonntagsmesse zum ersten Advent gesagt hat, könnte, ja müsste sich sogar so mancher angesprochen fühlen – egal, ob er Katholik ist oder nicht.

Ulrich Windolph

Vatikanstadt: Papst Franziskus nimmt an einer Konsistorium teil. Foto: Fabio Frustaci/ANSA Pool/AP/dpa

Wenn man nur um sich selbst und seine Bedürfnisse kreise, fange man an, sich über alles zu beklagen, fühle sich als Opfer und sehe Verschwörungen, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche in seiner Predigt vor nur etwas mehr als 100 Gläubigen. Eine Liveübertragung zum AfD-Parteitag nach Kalkar am Niederrhein hätte sich da durchaus auch angeboten. Denn wie führte Franziskus weiter aus: Beklagen, sich als Opfer sehen und sich verschwören scheine heute für viele zu gelten, die Ansprüche für sich erhöben und für Andere kein Interesse zeigten.

Dieser Papst bleibt sich treu in seiner klaren, unmissverständlichen Sprache sowie seinem gesellschaftspolitischen Anspruch. Und er stellt die Weichen für die Zukunft. Am Samstag erst hatte der Pontifex 13 neue Kardinäle ernannt – es war bereits die siebte Kardinalsernennung durch Franziskus seit 2014. Und erneut mehr als ein Fingerzeig, denn die übergroße Mehrzahl der neu ernannten Kardinäle ist dem Lager der Reformer zuzurechnen. Franziskus arbeitet beharrlich daran, den Vatikan in alle Himmelsrichtungen des Erdballs zu öffnen und dem gern zitierten Begriff der Weltkirche eine ganz neue und sehr ernsthafte Bedeutung zu geben. Zugleich sichert er so sein Erbe.

Schließlich ist es die Hauptaufgabe der Kardinäle, dereinst einen neuen Papst im Konklave zu wählen. Und in dieser Hinsicht ist Franziskus besonders darum bemüht, die Dinge in seinem Sinne zu regeln: Von den wahlfähigen Kardinälen hat der Argentinier mit 73 mehr als die Hälfte selbst ernannt. Unter den 13 neuen Würdenträgern engagieren sich viele für die Armen – ein zentraler Leitgedanke der Kirchenpolitik des 83-jährigen Mannes auf dem Stuhl Petri.

Zudem hielt die diesjährige Kardinalsernennung bemerkenswerte Neuerungen bereit. Mit dem Apostolischen Vikar Cornelius Sim und dem Erzbischof von Kigali, Antoine Kambanda, haben das südostasiatische Land Brunei und das ostafrikanische Ruanda erstmals Vertreter unter den Kardinälen. Außerdem wurde mit Wilton Gregory, Erzbischof von Washington, erstmals ein schwarzer US-Amerikaner in das Kollegium aufgenommen.

Eine Personalpolitik, die beweist: Franziskus möchte der katholischen Kirche seinen Stempel aufdrücken. Auch wenn dieser Papst in einer ganzen Reihe von Fragen bei weitem nicht so reformorientiert ist wie sich das gerade viele deutsche Katholiken wünschen, will er seiner Kirche doch den Weg in die Zukunft weisen. Und Franziskus ist überzeugt: In dieser Zukunft darf der Katholizismus nicht nur um Rom und um sich selbst kreisen. Und damit hat er Recht!

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