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Flüchtlinge

Ein netter Slogan löst kein Problem

Von Werner Kolhoff

Heinz Buschkowsky, ehemaliger Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. Foto: dpa

Heinz Buschkowsky, der alte Praktiker und SPD-Haudegen aus Berlin-Neukölln, hat Recht: Irgendwann wird aus dem Enthusiasmus dieser Tage Normalität. Und dann kommen die Probleme. Er weiß, wovon er redet. Wie es scheint, kommt dieser Zeitpunkt recht bald. Auch die CSU hat Recht, jedenfalls sofern sie auf die Spätfolgen der Merkelschen Entscheidung vom letzten Wochenende hinweist, die Flüchtlinge aus Ungarn unkontrolliert nach Deutschland zu lassen. Die erste »Spätfolge« ist schon an diesem Wochenende sichtbar: Es kommen noch mehr. 40.000 vielleicht.

Falsch liegt hingegen CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich mit seiner Bemerkung, es handele sich bei dieser Entscheidung um eine »beispiellose Fehlleistung«. Der Mann, von dem beispielhafte Leistungen aus seiner Minister-Zeit jedenfalls nicht öffentlich bekannt sind, kann nicht beantworten, was man denn mit den in Ungarn und Griechenland Gestrandeten stattdessen hätte tun sollen, die alle nach »Germany« wollen. Verrecken lassen, wie das Kind am Strand von Bodrum oder die Opfer in den Schlepper-Lastwagen?

Ein klarer, realistischer Blick auf die Lage ist gleichwohl jetzt sehr dringend nötig. Zum einen auf die noch anhaltenden Ströme, die in keiner Weise bewältigt sind, sondern sich im Gegenteil immer unkontrollierter entfalten. Diese Situation kann der Kanzlerin auch politisch außer Kontrolle geraten, wenn sie in den nächsten Wochen keine europäische Lösung erreicht. Die Uhr tickt hier unerbittlich und immer lauter. Der Zwergenaufstand der CSU ist ja nur ein erstes Warnzeichen. Merkel muss die Tür irgendwie wieder zukriegen, die sie so weit geöffnet hat.

Nötig ist zweitens aber auch ein realistischerer Blick auf die Flüchtlinge selbst. »Refugees Welcome« ist ein netter Slogan, aber er löst kein einziges aktuelles Problem, erst recht nicht die zukünftigen. Wenn es die Vision ist, dass all diese Menschen in zwei, fünf oder zehn Jahren hier völlig anerkannt und weitgehend assimiliert leben sollen und ihre Kinder gleiche Chancen haben – und das muss das Leitbild sein –, dann muss man mehr tun als nette Gesten und Erstunterbringung.

Dann geht es vom ersten Tag an um wirkliche Integrationsanstrengungen beider Seiten: Deutschunterricht und Integrationskurse, Arbeit und Ausbildung, Wohnraum, die Verhinderung von Ghettobildung und Kriminalität, auch die Abwehr salafistischer Gruppen, die wie die Geier um die Neuankömmlinge kreisen.

All das muss sofort beginnen. Blauäugigkeit ist da genauso schädlich wie die alte Verweigerungshaltung. Bei den Gastarbeitern hat Deutschland fast zwei Generationen zu Verlorenen zwischen den Kulturen gemacht und Parallelgesellschaften entstehen lassen. Das darf sich nicht wiederholen.

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