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Kommentar zu den Protesten in Russland

Faszinierender Mut

Revolte in Russland: Von Wladiwostok am Japanischen Meer bis Kaliningrad an der Ostsee schwappte am Wochenende eine Welle der Empörung durch das eurasische Riesenreich. Moskau war das natürliche Zentrum der Demonstrationen.

Ulrich Krökel

Demonstration in St. Petersburg. Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa

Aber die Hauptstädter waren diesmal, anders als bei früheren Massenprotesten, in ihrem gerechten Zorn nicht allein. Selbst auf der annektierten Krim, einem vermeintlichen Hort des Patriotismus, gingen Menschen auf die Straße. Sie forderten die Freilassung des inhaftierten Kremlkritikers Alexej Nawalny und protestierten gegen Korruption, Willkürherrschaft und Illiberalismus. Kurz: gegen Präsident Wladimir Putin.

Noch vor einer Woche, als Nawalny in seine Heimat zurückkehrte und sofort ins Gefängnis geworfen wurde, hätte mit einer solch wuchtigen Reaktion im Land wohl niemand gerechnet. Umso faszinierender war es, den Mut, die Kreativität und die Energie der fast durchweg jungen Putin-Herausforderer zu sehen. Sie vernetzten sich online, teilten die skurrilsten Protestaufrufe und warfen Schneebälle auf schwer bewaffnete Sonderpolizisten. All das zeigte: Es gibt ein anderes Russland als das Reich der Kreml-Klans, der hybriden Kriegführung, der superreichen Gas- und Öl-Oligarchen oder des Staatsdopings.

Und dennoch: Niemand möge sich etwas vormachen. Das System Putin verfügt über gigantische Machtressourcen. Der Opposition dagegen fehlt es an allem, was einen schnellen politischen Wandel herbeiführen könnte. Zum Beispiel an Masse: Mehrere Zehntausend Menschen sind in einem Land mit knapp 150 Millionen Einwohnern nicht viel. Und auch wenn den Jungen die Zukunft gehört, so werden sie ohne Unterstützung der Älteren wenig erreichen.

Nicht zuletzt ist Nawalny der falsche Anführer. So mutig er ist, so schädlich sind seine Selbstverliebtheit und sein Hang zur Clownerie. Was bleibt, ist die berechtigte Hoffnung auf einen mittelfristigen Wandel. Denn viel spricht dafür, dass eine wachsende Zahl von Menschen in Russland auch in Putin nicht mehr lange den richtigen Anführer sehen wird.

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