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Kommentar

Kreuz für G7-Treffen aus Friedenssaal entfernt: Fehlende Souveränität

Münster

Das offenbar aus protokollarischen Gründen entfernte Kreuz im Friedenssaal schlägt in den Berichten zum G7-Treffen hohe Wellen. Offenbar fehlte es im Protokoll des Außenministeriums wie auch bei der Stadt Münster an Fingerspitzengefühl. Ein Kommentar.

Von Johannes Loy

Das Kreuz vor der hölzernen Schrankwand des Friedenssaals. Foto: IMAGO/Schöning

Wenn das Auswärtige Amt mit seiner Chefin Annalena Baerbock und dem protokollarischen Apparat die Außenminister der wichtigsten sieben Industrienationen nach Münster bittet, um in diesen unfriedlichen Zeiten über friedensstiftende Zeichen und konkrete Maßnahmen zu verhandeln, dann ist eigentlich eines glasklar: Die Chefdiplomaten besuchen keinen kulturfreien Kasten oder ein weltanschauliches Vakuum.

Sie sind bewusst zu Gast in einer Stadt, die sich aufgrund ihrer schwergewichtigen Geschichte dem Frieden und zugleich christlichen Werten verpflichtet weiß. Zu diesen Werten zählt – spätestens seit dem Ende der unseligen Zeiten konfessioneller Zwistigkeiten, Gewaltausbrüche und Kriege im Gefolge der Reformation – die Toleranz, die man nicht nur Andersdenkenden gegenüber gewähren soll, sondern selber auch einfordern darf.

Es hätte sich wohl niemand an dem Kreuz gestört

Niemand der hohen Gäste, von denen einige aus anderen Kulturkreisen und religiösen Hintergründen kommen, hätte sich wohl daran gestört, dass zum Inventar des Friedensaals ein Kreuz gehört, das so alt ist wie die hölzerne Schrankwand, vor der es steht.

Zumal der Friedenssaal mit seinem Schnitzarbeiten fast auf jedem laufenden Meter Heiligenfiguren und biblische Szenen präsentiert. Und auch am Giebel des Rathauses schauen sakrale Figuren auf den in diesen Tagen sicherheitstechnisch weitgehend leer gefegten Prinzipalmarkt herab. Lambertikirche und Dom wurden ja in diesen Tagen auch nicht verhängt, und die Glocken der türme­reichen Stadt schlugen wie sonst auch und baten zum Gottesdienst.

Die Toleranzbereitschaft der Gäste unterschätzt

Die protokollarische Bitte des Außenministeriums, das Kreuz als zen­trales Erkennungszeichen der Christenheit aus dem Friedenssaal zu entfernen, zeugt nicht nur von einem fehlenden eigenen Standpunkt zur christlich-abendländischen Kultur, der wir ja auch zentrale Menschenrechte und Werte verdanken. Sie unterschätzt in ihrer eingeschränkten Sicht auch die Toleranzbereitschaft der Gäste, von denen sich sicher niemand geweigert hätte, die historische Stätte mit dem Kreuz an der Stirnwand zu betreten. Zumal schon der Dalai Lama und der Großimam von Kairo im Friedenssaal zu Gast waren und wohl keine Sekunde daran dachten, sich missioniert oder kulturell bevormundet zu fühlen.

Es fragt sich an dieser Stelle allerdings auch, warum die Stadt Münster so wenig Stehvermögen hatte, die Bitte des Außenministeriums auszuschlagen und das Kreuz, vor dem auch heute noch die Ratsfrauen und Ratsherren vereidigt werden, als zentralen und unverhandelbaren Bestandteil des Friedensaals zu verteidigen.

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