1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Ueberregional
  4. >
  5. Meinung
  6. >
  7. Gefühl statt Vernunft

  8. >

Kommentar zum Brexit

Gefühl statt Vernunft

Maurice Chevalier meinte einst, dass das Greisenalter gar nicht so schlecht sei – wenn man die Alternative bedenke. Ähnliches lässt sich über den Brexit-Handelspakt sagen, der am Mittwoch von beiden Seiten unterzeichnet und dann vom britischen Parlament ratifiziert wurde: Ein „No Deal“ wäre schlimmer gewesen. Aber zur Freude haben die Briten wenig Grund.

Jochen Wittmann

Goodbye - Großbritanniens Premierminister Boris Johnson Foto: Dominic Lipinksi/PA Wire/dpa

Am Freitag beginnt der Brexit wirklich. Vorher war alles Geplänkel. Aber an Neujahr ist es mit der Übergangsphase vorbei, und Großbritannien beginnt als sogenanntes Drittland sein neues Verhältnis mit der EU unter den Vorgaben des Handelspakts. Zwar wird es keine Zölle und keine Mengenbeschränkungen geben, aber der Warenverkehr wird alles andere als reibungslos ausfallen. Grenzkontrollen, Güterüberprüfungen, Papierkram, zusätzliche Kosten: All das wird zur Realität.

Den Briten wird schnell deutlich werden, was sie verloren haben. Mit der Freizügigkeit ist es vorbei. Sie brauchen ein Visum, wenn sie sich in EU-Ländern niederlassen, und eine Arbeitserlaubnis, wenn sie etwa als Arzt praktizieren wollen. Schlimm ist, dass britische Studenten nicht mehr am Austauschprogramm Erasmus teilnehmen können. Alles in allem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Austritt ein Verlustgeschäft wird: weniger Wohlstand, weniger Einfluss, weniger Größe.

Warum also? Die Brexit-Revolution war nicht auf Vernunft, sondern auf Emotionen gegründet. Am unteren Ende der Skala war das Argument immer gegen „Johnny Foreigner“ gerichtet, den Ausländer, den man nicht ins Land lassen wollte und von dem man sich, in Gestalt der EU-Kommission, schon gar nicht herumkommandieren lassen wollte. Am oberen Ende lautete das Argument: nationale Souveränität.

Das hehre Wort von der Souveränität hat Premierminister Boris Johnson am Mittwoch mehrfach bemüht. Man werde „ein neues Kapitel in unserer nationalen Geschichte“ schreiben, in dem „ein neues Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU als souveräne Ebenbürtige“ entwickelt würde.

Der Brexit wird zum Experiment der nationalen Souveränität in der Ära der Globalisierung. Es bleibt abzuwarten, ob das gut gehen wird.

Startseite