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Kommentar zu den Perspektiven für den Handel

Kein Kollateralschaden

Die Pandemie hat wirtschaftlich gesehen viele Verlierer. Die Gastronomie. Tourismus. Fluggesellschaften. Kulturschaffende. Manche Handwerker wie beispielsweise die Friseure.

Bernhard Hertlein 

Als die Schuhgeschäfte öffnen durften. Foto: Colourbox

Doch was ist mit dem Handel? Supermärkte und Onlinehändler haben keinen Grund zu jammern. Große Ketten und die Händler in großen Städten wissen, wo sie ihre Klagen anbringen können. Nur eine Gruppe, die Grund zur Klage hat, meldet sich kaum zu Wort: die der Fachgeschäfte draußen, in den Klein- und Mittelstädten und größeren Dörfern. Sie dürfen nicht zum Kollateralschaden der Pandemie-Bekämpfung werden.

„Dabei möchten auch wir nicht zum Kollateralschaden der Pandemie-Bekämpfung werden“, sagt die Besitzerin eines Schuhladens. Betroffen ist der Typ Geschäftsinhaber, der wie kein anderer fest mit seiner Kommune, mit seinen Angestellten und Kunden verbunden ist. Der Feste und andere Events organisiert, Veranstaltungen von Vereinen sponsert und zupackt, wenn sich irgendwo eine Herausforderung stellt. Der auch mal Menschen eine Chance gibt, die sonst bei jedem Assessment-Center durch das Raster fallen. Neben der Kultur und vielleicht dem ein oder anderen historischen Bauwerk gibt er einer Kommune oft das besondere Gepräge.

Das Leben dieser Unternehmer war auch bisher nicht sorgenfrei. Mehr als andere haben sie vor Augen, wie sich seit Jahren immer wieder Fachhändler verabschieden – in der Regel leise , ohne großes Aufsehen. Wenn die Läden überhaupt wieder vermietet wurden, dann oft an große Ketten. Sie selbst haben sich bislang behauptet, nicht zuletzt, weil sie eine Stammkundschaft haben, die sie auch jetzt nicht im Stich lässt. Für sie organisiert der Unternehmer Click & Collect, fährt die Waren aus, schmückt wöchentlich die Schaufenster neu, macht selbst Fotos und stellt sie auf die Website. „Viel mehr Arbeit für viel weniger Geld“, sagt eine Händlerin.

Eine Zeit lang lässt sich das durchhalten. So wie man als Kunde eine Weile aufs „Shoppen“ verzichten kann. Die Überbrückungshilfen, so sie nun gezahlt werden, helfen, die weiter laufenden Fixkosten abzudecken. Doch sie bieten keine Perspektive. Und ohne Perspektive überlegt sich der Fachhändler natürlich zwei Mal, ob er auch noch seine private Altersvorsorge antastet.

Warendorfer Weihnachtswäldchen - ein Beispiel für aktiven Einzelhandel vor Ort Foto: Wiening

„Am schlimmsten ist das Gefühl, das letzte Rad am Wagen zu sein“, sagt ein Elektronikhändler. Er und seine Kollegen auf dem Land haben bewiesen, dass sie mit den Einschränkungen der Pandemie umgehen können. Bilder mit langen Schlangen ohne Mindestabstand entstanden in Großstädten . So wünscht man sich, dass differenziert wird und Gefahren abgewogen werden, statt vor allem denen nachzugeben, die am lautesten rufen oder bei denen viel Geld gar nicht so viel bewirkt.

Der Fachhandel will öffnen, arbeiten – nicht von staatlicher Unterstützung leben. Große Hoffnung haben die Betroffenen eher nicht. Selbst wenn die Regierenden bereit wären, auf Unterschiede zu achten, ist da noch die Justiz, die keine „Privilegien“ zulässt und Kollateralschäden grundsätzlich außer Acht lässt. Die Leidtragenden sind nicht nur der Fachhandel, sondern alle Bewohner in Klein- und Mittelstädten, die an ihren Wohnort auf Dauer höhere Ansprüche haben als nur Platz für ein Bett zum Schlafen.

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