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Kommentar

Missbrauch im Bistum Münster: Endlich Aufklärung

Münster

Die erschreckenden Fakten und historischen Kontexte sexueller Gewalt im Bistum Münster seit 1945 liegen auf dem Tisch. Aus den schockierenden Befunden ist für die Zukunft zu lernen. Im Mittelpunkt der „Aufarbeitung“ müssen dabei einzig und allein die Opfer stehen. Dazu unser Kommentar.

Von Johannes Loy

Die Vorwürfe reichen von anzüglichen Kommentaren bis hin zu schwerem sexuellen Missbrauch über viele Jahre in der katholischen Kirche. Foto: imago/Bistum Münster/WWU

Die Anspannung im Bistum Münster wuchs in den vergangenen Tagen spürbar. Hier die Hoffnung auf rückhaltlose, sachgerechte Aufklärung, dort sicher auch die Sorge vor Häme, Kollektivschulddebatten und einer neuerlichen Austrittslawine. Münster muss, wie München und Köln auch, in seine Schuldgeschichte blicken.

Es hat sich gezeigt, dass die Beauftragung einer unabhängigen Historikerkommission ein zielführender Weg ist, Licht ins Dunkel zu bringen, strukturelle Defizite und systemisches Versagen zu benennen, vor allem aber den Opfern nach Jahrzehnten endlich Gehör zu verschaffen.

Führungspersonal hat versagt

Bischöfe und ihr Führungspersonal haben versagt, indem Täter geschützt, irgendwie „therapiert“ und dann wieder auf die Gemeinden losgelassen wurden. Unkenntnis, Überforderung, Scham und männerbündischer Korpsgeist bildeten ein Vertuschungssystem, das den Täter als „Mitbruder“ schützte. Die verkorkste Sexualmoral in Konvikten und Seminaren spülte zudem unreife Personen ins zölibatäre Kleriker-Dasein. Manche werden mit Blick auf die früheren Zeiten zu Recht von furchtbaren Unterlassungen und Vertuschungsnetzwerken sprechen, andere den liberal-laxen Zeitkontext in Anschlag bringen, der es verhinderte, die Tabus ans Tageslicht zu holen, die Täter zu bestrafen und die Opfer zu schützen.

Machtstrukturen entlarven

Der Blick in die dunkle Vergangenheit mag für alle heute Verantwortlichen lehrreich sein, systemische Kontexte und Machtstrukturen aufzubrechen. Bei alledem gilt: Weder eine „Damnatio memoriae“, also die Namenstilgung der Personal-Verantwortlichen wie früher im alten Rom, noch eine wie immer bemühte historische „Relativierung“ oder „Erklärung“ führen zum Ziel. Die Kirche von Münster wird Wege finden müssen, mit Schuld und Schuldigen umzugehen. Doch im Mittelpunkt aller „Aufarbeitung“ stehen einzig und allein die Opfer!

Blicken wir in Gegenwart und Zukunft: Die Vorstellung, man würde durch ein ausgefeiltes Ideal-System der Kontrolle, Überwachung und Strafe das Thema „Missbrauch“ und sexuelle Gewalt in den Griff bekommen, scheint angesichts der Zahlen, die uns mittlerweile bei jedem neuen grauenerregenden Anlass von Ermittlern und Fahndern geboten werden, realitätsfern zu sein. Allein 2021 wurden mehr als 39 000 Fälle von Kinderpornografie bekannt. In Deutschland wurden 2021 im Durchschnitt jeden Tag 49 Kinder und Jugendliche Opfer sexualisierter Gewalt, die Fallzahlen stiegen um 4,6 Prozent auf über 17 700 gemeldete Einzeltaten im Jahr. Auch hier dürfte das Dunkelfeld erheblich höher ausfallen. Täter sind in aller Regel keine fremden Finsterlinge, sondern in den allermeisten Fällen Angehörige der Familie und des direkten Bekanntenkreises.

Prävention

Es wird folglich gesamtgesellschaftlicher Anstrengungen vom Kindergarten über die Schule bis hin zu Kirchen, Institutionen und Sportvereinen bedürfen, um hinsichtlich dieser seelenzerstörenden Pest ein flächendeckendes Präventionsprogramm aufzulegen, das diesen Namen verdient.

Die Kirchen, deren moralische Fallhöhe besonders groß ist, könnten hier beispielgebend sein. Rituale der Zerknirschung möchte jetzt allerdings niemand mehr sehen. Es geht um nüchterne, zügige und effektive Aufarbeitung. Die Opfer und ihre Schicksale stehen im Mittelpunkt. Ihr Leid ist anzuerkennen. Die Folgen dieses Leids gilt es zu lindern. Es wird weiterhin ein langer, dornenreicher Weg zu gehen sein – für die Kirche(n) und für die gesamte Gesellschaft.

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