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Kommentar zum Jahreswechsel 2022/2023

Das ist die harte Realität

Endlich geht dieses elende Jahr 2022 zu Ende, und es gibt ganz gewiss keinen Grund, ihm in irgendeiner Weise nachzutrauern. 2022 hat uns genervt und gestresst – vor allem aber hat es Deutschland unsanft auf den harten Boden der Realität zurückgeholt.

Eines der Bilder des Jahres 2022: Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Olaf Scholz im Kreml. Foto: imago

2022 hat den Krieg nach Europa zurückgebracht – und Russlands Überfall auf die Ukraine ist uns dann doch sehr viel näher gekommen, als es den meisten lieb sein dürfte. Gewiss, Deutschland hat einmal mehr sein humanitäres Herz gezeigt, nur der ukrainische Nachbar Polen hat noch mehr Flüchtlinge – zumeist Frauen mit ihren Kindern – aufgenommen. Wie schon 2015 hat unser Land bewiesen, zu was es im Notfall in der Lage ist. Immerhin das – und das ist weiß Gott nicht wenig.

Ja, dieser durch nichts zu rechtfertigende Krieg macht uns alle ärmer. Und doch hat sich das Land bisher als erstaunlich robust erwiesen. Die Menschen haben in der großen Mehrheit die Nerven bewahrt – explodierenden Energiepreisen und zweistelligen Inflationsraten zum Trotz.

Auch die Politik hat – bei allen lähmenden internen Querelen der Ampelkoalitionäre – ihren Beitrag dazu geleistet, dass Deutschland bisher gut durch diesen Winter gekommen ist. Ganz ohne „heißen Herbst“, den doch so viele befürchtet hatten, und bisher auch oh­ne Gasmangellage. Dafür gebührt SPD, Grünen und FDP ein aufrichtiges Lob – auch wenn der rein ideologisch begründete Verzicht auf längere Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke ein schwerer Fehler bleibt.

Welche Rolle will Deutschland in der Welt spielen?

Doch mehr als Sofortmaßnahmen sind das alles nicht. Die Frage aber, die 2022 an uns alle stellt, geht tiefer. Deutschland muss sich entscheiden, welche Rolle es in der Welt spielen will – und welchen Preis es dafür zu zahlen bereit ist. Die schlechte Nachricht: Unsere bisherige Rolle, ja unsere Lieblingsrolle wird das kaum mehr sein können. Dafür hat Kriegsverbrecher Wladimir Putin quasi nebenbei gesorgt.

Dabei war diese Rolle, in der wir uns in Deutschland so wohl, so gut gefühlt hatten, doch wahnsinnig bequem. Wir haben weltweit unsere Geschäfte gemacht, um uns ansonsten möglichst aus allem Ungemach herauszuhalten – notfalls mit dem Verweis auf unsere dunkle Geschichte. Und sehr gern aus der Warte der moralischen Überlegenheit – oder sollte man besser gleich Überheblichkeit sagen? Über ein Jahrzehnt haben wir uns darin wunderbar gefallen – un­ser aller Wohlstand mehrend und – ganz wichtig – immer auf der richtigen Seite. Zugleich aber leider auch in immer größerer Abhängigkeit – energiepolitisch von Russland, wirtschaftspolitisch von China und sicherheitspolitisch von den USA.

Schonungslose Rückschau

Wahrscheinlich liegt just in dieser bitteren Selbsterkenntnis, in dem Bruch, den eine ehrliche, ja schonungslose Rückschau auslösen muss, ein Grund dafür, dass wir uns so schwer damit tun, das neue Unbehagen, die neue Unbequemlichkeit anzunehmen und entschlossen Konsequenzen daraus zu ziehen. Doch genau das wäre es, was dem Kanzler-Wort von der „Zeitenwende“ wahre Tiefe verleihen würde. Auch Olaf Scholz selbst sollte dazu dringend mehr sagen – wo schon Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für unangenehme Wahrheiten weitgehend ausfällt.

Ebenso hätten ein paar Worte der aufrichtigen Selbstkritik von Angela Merkel gut getan. Ihrem Ansehen und unserem Land. Gewiss: Wer in der Verantwortung steht, macht Fehler, muss Fehler machen. Und im Nachhinein sind immer alle schlau. Doch zeigt es Größe, Verantwortung zu übernehmen, sich zu korrigieren und so zu helfen, den Kurs neu auszurichten. Schade, dass die Ex-Kanzlerin das anders sieht.

Deutschland kommt um Kurskorrektur nicht herum

Doch um eine Kurskorrektur werden wir, wird Deutschland nicht herumkommen: Weniger Selbstgefälligkeit täte uns ebenso gut wie der Verzicht auf jede Form von Hochmut. Beides sollte im Wüstensand von Katar endgültig verweht sein. Wir sind nicht nur im Fußball, sondern in vielerlei Hinsicht längst nicht mehr so gut, wie wir das glauben – und die Welt wartet auch nicht jeden Tag auf Deutschland. In Sachen Digitalisierung hinken wir schon lange hinterher, in Sachen Energiewende sind wir weit von unseren eigenen Ansprüchen entfernt und die Bundeswehr ist an Silvester noch genauso erschreckend marode, wie sie es schon am 27. Februar 2022 war.

Ohne Zweifel ist un­ser Leistungsvermögen in vielen Bereichen immer noch sehr hoch, aber wie oft und wie verlässlich rufen wir es ab – und wie oft versinken wir stattdessen in bestens organisierter Verantwortungslosigkeit? Das in Rekordtempo gebaute LNG-Terminal in Wilhelmshaven soll das „neue Normal“ sein, hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen gesagt. Recht hat der Mann. Was er aber verschwiegen hat: Der Weg dahin wird weit, und er wird steinig.

Die Lage könnte noch unbequemer werden

Ja, die Lage bleibt unbequem und sie könnte noch unbequemer werden. Leistet sich Deutschland weiter diese bräsige Zögerlichkeit, diese quälende Unentschlossenheit, ist die Wahrscheinlichkeit nur umso größer als ohnehin schon, dass der Krieg in der Ukraine noch sehr lange dauert. Der Satz ist nicht neu, bleibt aber wahr: Deutschland ist zu klein, um groß zu sein, und zu groß, um klein zu sein. Wir sollten dringend diskutieren, was das genau bedeutet. 2023 wird es höchste Zeit dafür!

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