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Kommentar zur Reaktion auf Missbrauchsstudie

Bischof Genn ist ein Stück Macht los

Münster

Die Missbrauchsstudie klagt die Spitze der katholischen Kirche im Bistum Münster an. Wie kann Bischof Genn angemessen auf das unsagbare Leid reagieren?

Ein Kommentar von Ralf Repöhler

Der Bischof von Münster, Felix Genn, lehnt trotz persönlicher Kritik in einer Studie zu sexuellem Missbrauch in seinem Bistum einen Rücktritt ab. Foto: Matthias Ahlke

Mindestens 610 Betroffene, 196 Beschuldigte, Hunderte Missbrauchstaten: Wie kann der Bischof angemessen auf das un­sagbare Leid reagieren? Gar nicht! Der Kirchenmann und Mensch Felix Genn entschuldigt sich, tief betroffen, von Herzen kommend. Und erwartet nicht, dass Betroffene sexuellen Missbrauchs seine Entschuldigung annehmen. Das Eingeständnis der schweren Fehler, ja einer früher perfiden Versetzungspraxis, um Missbrauchstaten zu vertuschen, und die authentische Reue müssen einen grundlegenden Reformprozess einleiten.

Genn meint es ernst. Und zieht systemische und persönliche Konsequenzen. Er gibt Teile der Macht ab. Vor allem durch ein frühzeitiges Implementieren einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, die ihn bei Strukturfragen und Verwaltungsakten korrigieren kann. Personalentscheidungen sollen endlich transparent sein. Die Gremienstruktur will er neu ordnen, Nicht-Kleriker stärker einbinden. Genn will sich an die Entscheidungen diözesaner Beiräte binden. Der Bischof entscheidet nicht mehr allein. Das ist bereits heute so – Genn könnte es aber.

Genn will mit dem Bistum vorangehen

Viel Zeit bleibt ihm nicht für den Strukturprozess. Unübersehbar: Der Missbrauchsskandal setzt dem Bischof zu. So angemessen er die Studie entgegengenommen hat, so sehr nimmt ihn das tausendfache Leid mit. Genn bleibt trotz eingeräumter Fehler Bischof von Münster, gleichwohl plant der 72-Jährige, in drei Jahren seine Amtszeit zu beenden. Die strukturellen und inhaltlichen Reformen sollen greifen, wenn er das Bistum übergibt.

Bleibt die Frage, was Rom vom Teilen der Macht hält. Die vom Papst geäußerte Skepsis, die Kirchenreform in Deutschland könne zu weit führen, macht wenig Hoffnung. Genn will den Rahmen ausschöpfen und den synodalen Weg entschlossen mit dem Bistum vorangehen.

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