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Kommentar zur Debatte um Arzneien

Neue geostrategische Waffe

Als das Coronavirus die Welt lahmlegte und China seine Lieferungen stoppte, fehlten in Europa fast 300 lebenswichtige Medikamente. Hinzu kamen ein Mangel an Atemschutzmasken, Beatmungsgeräten und Schutzausrüstungen für Ärzte und Pflegepersonal. Da erscheint es kaum übertrieben, wenn der Gesundheitsausschuss der EU die öffentliche Gesundheit martialisch als „geostrategische Waffe“ beschreibt.

Detlef Drewes

Symbolbild. Foto: dpa

Fast 20 Jahre haben alle Beteiligten diese wachsende Abhängigkeit von Produktionsstätten in China und Indien hingenommen. Jetzt gibt es endlich Einsicht in die Notwendigkeit von Korrekturen. Zumindest bei den Politikern. Aber auch bei Krankenkassen, Patienten, Versicherten?

Die Abwanderung der Pharma- Hersteller in Länder mit niedrigen Herstellungskosten und Auflagen ist ja kein Zufall, sondern ein Ergebnis des Preisdrucks. Nicht die Versorgungssicherheit der Bevölkerung galt als wichtigstes Kriterium bei der Auftragsvergabe von Kassen und Versicherungen, sondern die möglichst niedrigen Kosten des Gesundheitssektors. Die Herstellung von Fertigarzneimitteln und Wirkstoffen ist aufwendig und in Europa teuer. Und so werden alle Beteiligten – auch die Bürger – mit steigenden Preisen für wichtige Präparate rechnen müssen. Das sollte es uns wert sein. Denn es geht bei dieser Frage nicht um Nasenspray oder Kopfweh- Tabletten, sondern um unverzichtbare Arzneimittel zur Behandlung von Krebserkrankungen, von Depressionen oder von Problemen des Nervensystems. Da sind Wirkstoffe auf die Betroffenen abgestimmt und können nur selten und dann mit großem Aufwand ausgetauscht werden.

Die Europäische Union steht vor einer gewaltigen Herausforderung, die nicht nur eine ganze Branche, sondern auch die Gesundheitssysteme weitgehend verändern dürfte. Denn die Bilder dieser Pandemie stecken inzwischen so sehr in den Köpfen, dass sogar offene Tabubrüche jener Prinzipien, die den Binnenmarkt ausmachen, nicht mehr undenkbar erscheinen.

Dass die Gesundheitspolitiker des Europäischen Parlamentes derart offen nicht mehr nur für Zusammenarbeit und gemeinsame Beschaffung votieren, sondern „mehrere nicht gewinnorientierte pharmazeutische Einrichtungen“ fordern, die im Notfall die Versorgung aufrechterhalten können, wiegt schwer. So angebracht und notwendig der Vorschlag auch sein mag. Es ist ein Warnschuss in Richtung Pharma-Hersteller.

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