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Kommentar zum Spahn-Interview

Provokation als Methode

Glaubt man den Zahlen des aktuellen ARD-Deutschlandtrends, so ist das Ansehen von Jens Spahn (CDU) noch ausbaufähig. Im Ranking der neuen Bundesminister sehen ihn die Meinungsforscher weit hinten. So halten nur 26 Prozent der Befragten Spahn für ei­ne gute Besetzung als Gesundheitsminister – 38 Prozent sagen, er sei »keine gute Besetzung«.

Ulrich Windolph

Jens Spahn. Foto: dpa

Spahn selbst dürfte wesentlich mehr von sich halten. Und er lässt nichts unversucht, um sich mit markigen Worten ins Gespräch zu bringen. An die Kabinettsdisziplin mögen sich andere halten, Spahn tut es nicht. Auch mit den Ressortgrenzen nimmt’s der 37-Jährige nicht so genau. Ob kürzlich zur Debatte um Hartz IV oder nun zum Thema innere Sicherheit: Wann immer Spahn es für geboten hält, mischt er sich ein.

Spahn macht sich damit unbeliebt, und er tut es zweifellos mit Kalkül. Gern wird er deshalb zum Ge­genspieler von Kanzlerin und CDU-Parteichefin Angela Merkel stilisiert – und so mancher sieht in ihm schon den kommenden Kanzler.

Abgesehen aber davon, dass es die Leute, die früh hoch gehandelt werden, nur selten bis an die Spitze schaffen, müssen Spahns Einlassungen diskutiert werden. Denn eine Erkenntnis wird nicht falsch, weil sie der (vermeintlich) Falsche äußert. Und Beliebtheit hat auch in der Po­litik nur begrenzt etwas mit Sachverstand zu tun – wenn aber, so ist das Verhältnis nicht selten antiproportional.

Im jüngsten Fall aber bringt es Spahn nicht über Banalitäten hinaus. Polizei und Justiz brauchen in der Tat mehr Mittel, und der Koalitionsvertrag sieht diese auch vor. Mit seiner Forderung nach mehr »Recht und Ordnung« in Deutschland weist er zudem auf den Kon­trollverlust hin, den die Bundesrepublik im Herbst 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise erlebt hat. Damit jedoch sagt er weder etwas Neues noch etwas, was strittig wäre. Ja, Staat und Behörden waren überfordert und haben monatelang nicht oder falsch reagiert. Was aber bringt uns die Auffrischung dieser sattsam bekannten Erkenntnis jetzt und damit gut zweieinhalb Jahre später?

Nichts, aber die »Neue Zürcher Zeitung« hat halt danach gefragt. Und Spahn hat geschickt die Möglichkeit zur Provokation genutzt, als sie ihm gekommen schien. So war es nicht mehr weit bis zu seiner viel zu pauschalen und undifferenzierten Aussage über die »Ar­beiterviertel in Essen, Duisburg oder Berlin« und dem »Eindruck, dass der Staat gar nicht mehr willens oder in der Lage sei, Recht durchzusetzen«.

Wer Spahn kennt, erkennt die Methode. Die allerdings funktioniert nur, weil alle so erwartbar reagieren. Dabei nützt es gar nichts, sich über Spahn zu empören. Denn dem wird das herzlich egal sein: Er hat ja mal wieder genau die Aufmerksamkeit, die er haben möchte. Auch wenn das, was er gesagt hat, die ganze Aufregung gar nicht wert ist.

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