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Kommentar zum Appell von Jens Spahn

Schuld und Depression

Wenn Jens Spahn davor warnt, 2021 dürfe nicht zum „Jahr der Schuldzuweisung“ werden, dann könnte man das schnell als Versuch der Selbstverteidigung abtun. Schließlich steht der Bundesgesundheitsminister als Mitverantwortlicher für die Pannen bei der Organisation der Corona-Impfungen selbst am Pranger.

Bernhard Hertlein

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Foto: imago images/photothek

An dieser Kritik ist grundsätzlich auch gar nichts einzuwenden. Zur Demokratie gehört, dass die Handlungen der Regierenden überwacht und dabei natürlich auch die Verantwortlichen für Fehlentscheidungen benannt werden.

Und dennoch ist Spahns Warnung berechtigt – wegen des immer öfter maßlosen Tons, den Kritiker an den Tag legen. Wer „die“ Politik oder gar „das“ System für die schwierige Lage verantwortlich macht, hat vom Charakter einer Pandemie wenig bis nichts begriffen.

Zudem handelt kein Politiker im luftleeren Raum. Weder kann ein Minister vorab die komplette Genetik einer möglichen Mutation einsehen noch können Verstöße gegen Gesetze und Verordnung in einem 83-Millionen-Volk ausgeschlossen werden – ebenso wenig der Bruch von Zusagen etwa seitens der Impfstoff-Hersteller.

Noch schlimmer allerdings als ein „Jahr der Schuldzuweisung“ wäre ein „Jahr der Depression“. Das aber droht sowohl einigen Wirtschaftsbranchen als auch vielen Menschen, die unter der Vereinsamung leiden. Für sie sind zwei Dinge wichtig: gut organisierte Hilfe und eine Perspektive, wie es weiter geht, wenn erst die meisten Menschen geimpft sind und eventuell sogar ein Medikament eine Heilung ermöglicht.

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