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Kommentar zum Krieg in der Ukraine

Auf Leben und Tod

Russland greift die Ukraine an, und Wladimir Putin allein trägt dafür die Verantwortung. Alle Hoffnungen, dass der Kreml-Herrscher diesen Schritt nicht gehen wird, sind zerstoben. Doch Fakt ist: Der Westen ist zum Zuschauen verdammt, auch weil er viel zu lange naiv war.

Von Ulrich Windolph

Arbeiter räumen die Trümmer einer Rakete auf einen Lastwagen, nach einem russischen Beschuss. Russische Truppen haben am Donnerstag den Angriff auf die Ukraine gestartet. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa

Russland greift die Ukraine an, die Maske des Kreml-Herrschers Wladimir Putin ist endgültig gefallen. In Europa wird wieder Krieg geführt – es ist eine Invasion auf Leben und Tod. Und man muss die Dinge beim Namen nennen: Unschuldige Menschen werden sterben, müssen Flucht und Vertreibung fürchten. Dabei droht ein Flächenbrand: Längst geht es nicht mehr nur um die Regionen Luhansk und Donezk, längst ist die Aggression nicht mehr auf den Südosten der Ukraine beschränkt.

Alle Hoffnungen des Westens, dass Putin diesen Schritt nicht gehen wird, sind zerstoben. Doch Fakt ist: Die Welt ist zum Zuschauen verdammt, die Ukrainer kämpfen und leiden – allen Solidaritätsadressen zum Trotz – allein. Eine militärische Unterstützung hatten die westeuropäischen Länder ebenso wie die Nato wiederholt ausgeschlossen – zu groß scheint die Gefahr, dass die Atommacht Russland auch vor einem Weltkrieg nicht zurückschrecken würde. Angesichts der Unberechenbarkeit Putins ist diese Sorge so berechtigt wie verhängnisvoll. Denn der Kreml-Herrscher hat diese Botschaft wohl immer nur als Ausdruck der Unentschlossenheit verstanden. Und so setzt er seinen zynischen Plan kühl um, ist immer einen Schritt voraus, spielt sein perfides Spiel – und lässt den Westen schwach wirken. Und in gewisser Weise liegt er damit ja auch völlig richtig – leider.

Denn jetzt ist es zu spät, der Ukraine mit Verteidigungswaffen zu helfen. Jetzt dürfte es unmöglich sein, schweres Gerät und hochmoderne Technik, deren Einsatz ja auch einer entsprechenden Schulung und Ausbildung bedarf, in die Kampfgebiete zu schaffen. So zynisch es klingt: Putins Soldaten müssen diesen Gegner nicht fürchten, er wird der hochmodernen russischen Armee hoffnungslos unterlegen sein. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass die Ukraine sich einst zur Abgabe ihrer Atomwaffen verpflichtete, um im Gegenzug den Schutz ihrer Souveränität und territorialen Integrität versprochen zu bekommen. Ein hohles Versprechen, das schon seit der Annexion der Krim 2014 durch Russland nichts mehr wert ist.

„Rückblickend muss man sagen, dass der Westen und auch Deutschland naiv war“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Vormittag in brutaler Ehrlichkeit. Der Grünen-Politiker selbst hatte sich vor Jahresfrist für Waffenlieferungen an die Ukraine stark gemacht und dafür daheim und in der eigenen Partei harsche Kritik einstecken müssen. Nun weiß man: Habeck hatte Recht. Gerade all jene, die den russischen Präsidenten bis zuletzt als verlässlichen Partner und wenn das schon nicht, so doch zumindest als berechenbaren, kühl kalkulierenden Machthaber verteidigt haben, müssen sich nun auf schreckliche Art und Weise eines Besseren belehrt sehen.

Viel zu lange haben wir uns mit der Frage aufgehalten, was Putin will. Es wird höchste Zeit, darüber nachzudenken, was der Westen will. Wer Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte wahren möchte, muss bereit sein, diese auch zu verteidigen. 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion mag uns das allen fremd vorkommen. Zu lange haben wir den den Traum geträumt, dass unsere Stabilität und Sicherheit eine Selbstverständlichkeit ist. Zu lange sind alle Appelle, mehr in die Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu investieren, als Kriegstreiberei diffamiert worden. Jetzt erfolgt das böse Erwachen. Dabei können die Europäer noch von Glück sagen, dass der US-Präsident nicht mehr Donald Trump heißt.

Doch der Weg, den wir vor uns haben, ist weit. Sehr weit sogar. Deutschland war sich stets selbst genug, von Abschreckung wollte niemand mehr etwas wissen. Auch jetzt noch: In Köln wird Karneval gefeiert, während in der Ukraine die Bomben und Raketen fliegen.  "Wir schunkeln nicht an den Sorgen der Menschen vorbei. Aber wir lassen uns auch nicht die Grenzen des Frohsinns von Menschen bestimmen, die Freiheit und Frieden mit Füßen treten", rief das närrische Dreigestirn  um 11.11 Uhr von der Bühne. Zynismus pur. 

Kein Zweifel: Die Bilder und Nachrichten aus der Ukraine machen fassungslos – und sie machen Angst. Diese Angst darf jedoch nicht zur Erstarrung führen. Wenn jetzt allerorten von „härtesten Sanktionen“ die Rede ist, dann werden diese auch uns etwas kosten – und das nicht nur in Form noch höherer Energiepreise. Doch das ist das Mindeste, was wir leisten müssen. Ob es reicht, ist eine andere Frage. Klar muss sein: Die vom russischen Präsidenten wieder und wieder verächtlich gemachte Europäische Union und die Nato sind aufs Extremste gefordert – Rücksichtnahme auf einen rücksichtslosen Autokraten wie Wladimir Putin ist fehl am Platze.

Über die aktuelle Entwicklung durch den russischen Angriff auf die Ukraine halten wir Sie in unserem Liveticker auf dem Laufenden.

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