1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Überregional
  4. >
  5. Meinung
  6. >
  7. Washington in Angst

  8. >

Kommentar zum Präsidentenwechsel in den USA

Washington in Angst

Die USA befinden sich kurz vor der Amtseinführung Joe Bidens im Ausnahmezustand. Vorbei die recht naive Hoffnung, dass man mit dem neuen Präsidenten auf eine Art „Restart“-Knopf drücken könnte und das transatlantische Verhältnis wieder wie gewohnt funktioniert.

Claudia Kramer-Santel

Patrouille vor dem Capitol in Washington Foto: imago/UPI Photo

Es ist einfach traurig: Die Amtseinführung sollte eine selbstbewusste Feierstunde der Demokratie sein. Stattdessen regiert in Washington die Angst. Kaum jemand wagt sich in die City, auch die Hauptstädte der Bundesstaaten wappnen sich vor bewaffneten Gefährdern. Militär umringt den Kongress, Metalldetektoren werden im Kapitol installiert, während das Repräsentantenhaus die zweite Amtsenthebung gegen Donald Trump einleitet. Historiker sinnieren erfolglos, ob es so eine Phase in der an Turbulenzen nicht armen Geschichte der USA überhaupt schon einmal gab.

Biden, aber vor allen Dingen die Republikaner, haben eine vordringliche Aufgabe: die Gemüter zu kühlen. Namhafte Experten sehen in den entfesselten Trump-Anhängern die größte terroristische Gefahr in den USA der kommenden Jahre – und die Bundesbehörden durch Kürzungen nur schlecht darauf vorbereitet.

Das Gefährliche im Vergleich zu Corona-Leugner-Demos in Deutschland, die es auf den Reichstag abgesehen haben: Es gibt Anzeichen, dass der US-Sturm aufs Kapitol teils durch republikanische Mandatsträger im Regierungsgebäude unterstützt wurde. Und die Klammer, die den gewaltbereiten Mob zusammenhält, ist Trump selbst, der – noch – mächtigste Mann im Staat mit seiner Botschaft: Die Wahl war Betrug.

Biden mag Präsident werden – Trump bleibt die Lichtgestalt seiner Anhänger. Sie halten ihn für den Einzigen, der die Wahrheit ausspricht. Auch die Republikaner reden weiter vom größten Betrug der Geschichte – und nähren so fleißig die Wut des Mobs. Dass sie immer noch in großen Teilen an ihm festhalten, ist ein ­historisches Versagen.

Trump hat zwar nun Gewalt in aller Form abgelehnt. Wie verlogen. Wenn er ernsthaft das Land vor weiterem Schaden bewahren wollte, hätte er längst eingeräumt, dass die Wahl rechtmäßig ist – und dass er sie verloren hat.

Startseite
ANZEIGE