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Kommentar zum Coronavirus in China

Zersetzender Verlust des Vertrauens

China ist in rasantem Tempo zur Weltmacht aufgestiegen. Aber wie unheimlich nah China der Welt inzwischen gekommen ist, das zeigt die rasche und ungezügelte Ausbreitung des Coronavirus .

Michael Giese

China, Xi’an: Prüfer testen in einem Labor des Shaanxi-Instituts für Qualitätsüberwachung und Inspektion von Medizinprodukten die Dichtheit einer Schutzmaske. Foto: Li Yibo/XinHua/dpa

Mehr als 70 000 Infizierte allein im asiatischen Riesenreich – Todesopfer rund um den Globus. Risiken und Einbußen für die Wirtschaft weltweit sind unübersehbar. Selbst für die Kommunistische Partei ist die Krise nicht mehr zu leugnen. Das Coronavirus erschüttert Pekings Machtgefüge.

Präsident Xi Jinping, der den Personenkult von Mao wieder aufleben ließ, muss um seine Allmacht und die der Partei fürchten. Der unausgesprochene Kompromiss mit dem Volk – Wohlstand auf der einen gegen Macht und Kontrolle auf der anderen Seite – steht immer mehr infrage. Die Glaubwürdigkeit des Systems und die Handlungsfähigkeit der Regierung gehen in der Stille der ausgestorbenen, unter Quarantäne gestellten Millionenstädte verloren. Im staatlich kontrollierten Netz verbreiten sich Zorn und Unmut derart schnell, dass die Kontrolleure mit dem Austreten des Feuers kaum mehr nachkommen. Für die roten Mandarine in Peking ein Albtraum.

Staatsführung in Not

Das Coronavirus hat die Staatsführung in Not gebracht. Gescheitert ist die Strategie, die Schuld an der Ausbreitung der Epidemie den Lokalregierungen zuzuschreiben – wie in Wuhan. Nun setzt Peking Zeichen. Präsident Xi will nach seinen Worten schon frühzeitig die Lage als bedrohlich eingeschätzt haben. Xi Jinping, Krisenmanager der ersten Stunde? Peking ist im Kampf um die Pfeiler der Macht jedes Propaganda-Manöver recht.

Solch ein Zeichen aus Peking setzt auch die Verschiebung des für Anfang März geplanten Volkskongresses . Für Chinas Staatselite ist diese Veranstaltung ein Ritual. Doch wie will man dem Milliarden-Volk die drastischen Quarantäne-Maßnahmen erklären, wenn sich 6000 Abgeordnete aus allen Landesteilen zwanglos in Peking einfinden? Schlimmer noch: Am Ende könnte auch Chinas Machtzen­trum vom Virus infiziert und lahmgelegt werden. Das käme einem Offenbarungseid gleich.

China kämpft mit autoritären Mitteln gegen das tödliche Virus – und Präsident Xi Jinping gegen den zersetzenden Vertrauensverlust im Volk. Ist die Weltmacht China dieser Krise gewachsen? Auch die Welt zweifelt langsam an Peking.

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