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William Shatner ist 90 Jahre alt geworden – Leonard Nimoy hätte vier Tage später 90. Geburtstag gehabt

Als ewiger Captain auf der Brücke

Los Angeles (KNA)

Sie sind Legenden. Der eine wurde an diesem Montag (22. März) 90 Jahre alt; der andere wäre es vier Tage später geworden: William Shatner alias „Captain James T. Kirk“ und Leonard Simon Nimoy alias „Lieutenant Spock“. Tausende Lichtjahre sind die beiden Helden mit ihren Polyester-Trikots auf dem Raumschiff „Enterprise“ geflogen, haben zusammen Welten aus den Angeln gehoben. Begonnen hat alles schlanke 400 Kilometer voneinander entfernt, auf der Nordhalbkugel des Planeten Erde. Zwei jüdische Kindheiten.

Alexander Brüggemann

„Nummer 1“ und instruiert den Kapitän: Leonard Nimoy und William Shatner während der Dreharbeiten auf der Brücke der „Enterprise“ Foto: Paramount Pictures / Cinema Grou via www.imago-images.de

Shatner wurde 1931 in Notre-Dame-de-Grace geboren, einem Stadtteil von Montreal. All seine Großeltern waren jüdische Einwanderer: aus Österreich, Polen, Ungarn und der Ukraine. Großvater Wolf änderte den Familiennamen Schattner in Shatner.

William Shatner (rechts) als Captain James T. Kirk, Commander des Raumschiffes Enterprise, und Leonard Nimoy als Crewmitglied Spock vom Planeten Vulkan. Foto: dpa

Nimoy kam vier Tage später und 402 Kilometer südöstlich zur Welt: im West End, einem Einwandererviertel von Boston. Seine Eltern Max und Dora kamen aus Scheslaw, im Westen der heutigen Ukraine. Wie sie wuchs Leonard im orthodoxen Judentum auf. Über dem Eingang der Vilna Shul im West End hängen bis heute die segnenden Hände, Symbol der Priesterkaste der Cohen (Kohanim), die im Jerusalemer Tempel den Altardienst verrichteten. Dieser Segen inspirierte den Enterprise-Offizier Spock später zu seinem Vulkanier-Gruß: „Live long and prosper“ (Lebe lang und in Frieden).

Computerlogbuch der Enterprise, Sternzeit 2021,3 – Captain Kirk. Für Fans („Trekkies“) hat diese Ansage Kultstatus. „Raumschiff Enterprise“, im US-Original „Star Trek“, eine der legendärsten TV-Serien aller Zeiten, spielt im Jahr 2200; einer Zeit, in der die Menschheit den Dritten Weltkrieg überlebt und sich friedlich mit anderen außerirdischen Lebensformen zur „Vereinigten Föderation der Planeten“ zusammengeschlossen hat.

Die vermeintlich galaktische Perspektive war wohl ganz bewusst gewählt: Geh weiter weg von dir, damit du dich selbst besser erkennen kannst! Tatsächlich sind die „fernen Welten“ und vermeintlich unbekannten Gesellschaften doch immer ein Spiegelbild terrestrischer Gesellschaftsentwürfe. Wer waren im Kalten Krieg die aggressiven Klingonen anderes als militaristische Sowjets? Die verschlagenen, stets schwer zu deutenden Romulaner gehen am ehesten als Bedrohung aus dem fernen China durch. Matriarchalische Planeten reflektieren die aufkommende Frauenbewegung. Und auch die Rassentrennung in den USA wird thematisiert – und überwunden.

Shatner war auch auf der Erde erfolgreich: Rene Auberjonois, Julie Bowen, James Spader, Mark Valley, William Shatner, Candice Bergen in der Anwaltsserie „Boston Legal“. Foto: imago/Everett Collection

In der Folge „Platons Stiefkinder“ kommt es - unter psychokinetischem Einfluss des Volkes der Platonier – zum ersten Kuss der US-TV-Geschichte zwischen einer Schwarzen und einem Weißen. Ursprünglich war dafür womöglich „Mr. Spock“ vorgesehen; doch am Ende bekam der Captain den Vorzug.

Schon als Kind war William Shatner Hörspielsprecher und spielte im Kindertheater, ebenso während seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften in Montreal. 1956 ging er nach New York, übernahm Rollen in Fernsehen, Theater und Film. „Star Trek“ war sein Durchbruch. Doch tatsächlich blieb die Serie bei ihrer Erstausstrahlung in den USA – trotz einiger Achtungserfolge – weit hinter der Quotenerwartung zurück. Das Budget der letzten Staffel wurde auf einen Rumpfbetrag gekürzt, die Drehbücher drastisch vereinfacht. Zudem war der neue Sendeplatz am Freitagabend unattraktiv. Im Sommer 1969 kam das Aus nach nur drei Jahren.

Shatner, die Ikone von heute, war danach Anfang der 70er Jahre für einige Zeit finanziell so klamm, dass er in seinem Pick-up schlafen musste. In den 80er Jahren hatte er in der Krimiserie „T. J. Hooker“ wieder eine Hauptrolle. Vor allem aber setzte dann der Kult um die „Star Trek“-Kinofilme ein (1979-1994) – mit allmählich wachsenden Trikotgrößen und stets wachsenden „Conventions“, den Fan-Zusammenkünften der „Trekkies“, bei denen die alternden Helden bis heute auftreten und gefeiert werden.

Shatner nutzte seinen Kultstatus

Shatner konnte nun seinen Kultstatus in experimentelle Vielfalt ummünzen. Anfang der 90er moderierte er die Reality-TV-Sendung „Rescue 911“. Er war Talkmaster, übernahm verschiedenste Filmrollen, spielte Werbespots, parodierte sich selbst. Fünf Alben nahm er als Sänger auf, zuletzt im Oktober 2020 ein Blues-Album. Er ist Romanautor, Pferdezüchter, Meeresschützer, Vegetarier. Viermal war er seit 1956 verheiratet, hat zwei Töchter; jüngste Scheidung 2020. Die US-Weltraumbehörde NASA zeichnete Shatner als „Inspirator“ aus. Seinen mehr als 2,5 Millionen Twitter-Followern berichtete er im Stil des Captains-Logbuchs aus der Corona-Isolation.

Kirks Gefährte Mr. Spock starb 2015, Maschinist „Scotty“ 2005, Arzt Dr. „Pille“ McCoy 1999. William Shatner hat sein Ende, das sich zum Glück noch nicht abzeichnet, schon in einer emblematischen Filmszene vorweggenommen: als er in einer gemeinsamen Mission mit dem Captain der zweiten Enterprise, Jean-Luc Picard, als Held stirbt. Kirks berühmte letzte Worte: „It was fun!“ – es war ein Spaß.

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