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Gärtner soll seine Mutter ertränkt haben und dehnt den Prozess aus

Angeklagter: „Mein letztes Wort dauert 72 Stunden“

Münster

Wie viel Zeit darf sich ein Angeklagter für sein „letztes Wort“ nehmen, das ihm vom Gesetz her zusteht?

Christian Althoff

„Ein letztes Wort, das sich über Tage hinzieht, habe ich noch nicht erlebt“ Foto: dpa

Nach 27 Verhandlungstagen wollte das Landgericht Münster am Freitag vergangener Woche (29. Januar) eigentlich ein Urteil im Fall eines Gärtners sprechen, der seine Mutter in einem Brunnen ertränkt haben soll. Doch im Moment ist völlig unklar, wann sich die Kammer zur Beratung zurückziehen kann, und wann es zur Urteilsverkündung kommen wird. Denn wie jeder Angeklagte hat auch Ulrich F. (56) ein Recht auf das „letzte Wort“. Und das könne, so hat er es angekündigt, 72 Stunden dauern. Schließlich habe er 700 Seiten geschrieben.

Dem Mann aus Neuenkirchen im Kreis Steinfurt wird Mord vorgeworfen. Im Juni 2019 soll er erfahren haben, dass seine Mutter (79) Grundstücke verkaufen wollte. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft sah er sein Erbe in Gefahr. Am Abend vor dem Notartermin soll er die Frau am Ende einer Leiter festgebunden und in einen Brunnen hinabgelassen haben, in dem die Rentnerin ertrank. Am nächsten Tag rief der Gärtner die Polizei und gab an, seine Mutter so gefunden zu haben.

Schon seit April läuft der Indizienprozess gegen Ulrich F., der voll schuldfähig sein soll. Am Freitag wurde plädiert – die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft wegen Mordes, Verteidiger Dr. Carsten Ernst Freispruch wegen fehlender Beweise. Anschließend bekam der Angeklagte das letzte Wort. Zweieinhalb Stunden lief er vor dem Richtertisch auf und ab und trug in Manier eines Dozenten seine Sicht der Dinge vor.

Die Verhandlung wurde vertagt, und am Donnerstag setzte der Angeklagte seinen Monolog ab 9 Uhr fort. Diesmal von seinem Platz aus, denn die Vorsitzende Richterin Elisabeth Hülsmann hatte ihm klargemacht, dass ein weiteres Herumlaufen nicht akzeptiert werde. Sie bat Ulrich F., die Geduld des Gerichts nicht zu überstrapazieren. Doch der Angeklagte sprach weiter, Stunde um Stunde. Er warf dem Staatsanwalt vor, Beweise gefälscht und andere unterdrückt zu haben: „Sie sind blamiert!“ Am Nachmittag nahm er sich dann die erste Zeugenaussage vor und sezierte sie.

Dr. Detlev Binder, einer der beiden Anwälte: „Ich habe bis heute in etwa 250 Tötungsdelikten verteidigt, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Sein Mandant habe sich intensiv mit den Akten befasst, und es sei schwer möglich, einem Angeklagte das „letzte Wort“ abzuschneiden.

2019 hatte ein Bankräuber (71) in Hamburg sein „letztes Wort“ über fünf Tage ausgedehnt. Die Vorsitzende Richterin hatte es ihm schließlich wegen mehrfacher Wiederholungen nach 31 Ermahnungen entzogen. Das sei nicht zu beanstanden gewesen, entschied der Bundesgerichtshof im Mai vergangenen Jahres.

Am diesem Freitag um 11 Uhr setzte der Mann seinen Monolog fort, bis das Gericht den Verhandlungstag gegen 16.30 Uhr für beendet erklärte. Verteidiger Dr. Carsten Ernst: „Kommenden Dienstag geht es weiter.“

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