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Ein Gespräch mit Reinhold Messner zu seinem 75. Geburtstag

»Ich habe sieben Leben gelebt«

Bozen (WB). Er ist die Ikone des Alpinismus, die lebende Bergsteigerlegende: Reinhold Messner wird am kommenden Dienstag 75 Jahre alt. Andreas Schnadwinkel hat mit dem Südtiroler über sein Leben, seine Kinder, seine Ziele und seinen Geburtstag gesprochen.

Heimat Südtirol: In den Dolomiten begann Reinhold Messner als Kletterer, das Höhenbergsteigen folgte. Foto: imago

Wie feiern Sie Ihren 75. Geburtstag?

Reinhold Messner : Ich pflege, alle zehn Jahre nur die runden Geburtstage zu feiern und als Gastgeber auszurichten. Aber es gibt eine Einladung von alten Mitstreitern, die mit mir in Italien einiges auf die Beine gestellt haben. Die wollen unbedingt ein Fest machen. Das sehe ich aber nicht als mein Fest, da bin ich bloß eingeladen. Ich treffe mich mit zwei, drei Freunden zu einer Tour und auf ein Glas Wein.

Aber 75 ist schon eine besondere Zahl, die sich zu feiern lohnt, oder?

Messner : Der 75. Geburtstag wird oft groß gefeiert, weil die Leute denken, dass man mit 80 nicht mehr da ist. Das ist ja auch in Ordnung.

Sie machen nicht den Eindruck, als wäre diese Zahl 75 für Sie schon ein Anlass, eine Art Lebensbilanz ziehen, oder?

Messner : Es ist zu spät, im Rückblick auf ein gelungenes Leben zu schauen. Es bringt gar nichts, sich selbst an die Brust zu klopfen oder zu jammern. Für mich passiert gelingendes Leben, wenn ich Ideen in die Tat umsetze. Und die Kunst im Alter besteht darin, sich den richtigen Rahmen zu setzen. Es wäre ja dumm von mir, wenn ich heute noch einmal versuchen würde, ein Spitzenkletterer zu werden. Denn dafür bin ich wahrscheinlich ebenso zu alt wie für die Besteigung der höchsten Berge ohne Maske. Und im Gänsemarsch mit Maske wäre das peinlich. Aber in der kulturellen Auseinandersetzung mit dem Gebirge und dem Abenteuer kann ich noch viele Ideen in die Tat umsetzen, so lange ich die Energie habe.

Wollen Sie 100 werden?

Messner : Davon habe ich keine Vorstellung. Wir Menschen haben keine Chance, den Zeitpunkt unseres Ablebens zu bestimmen. Das passiert. Und so lange ich so fit und gesund bin, lebe ich so intensiv weiter wie immer. Ganz einfach. Ich arbeite ja nicht. Was ich mache, ist für mich keine Pflichtübung. Die Bücher und die Vorträge sind mein Lebenselixier.

Sie gehen mit vielen verschiedenen Vorträgen auf Tournee. Geht der Stoff nicht aus?

Messner : Ich tue mich leichter, über George Mallory oder Frank Wild zu erzählen als über mich selbst. Natürlich bringe ich meine Erfahrungen da ein. Wenn ich nicht selbst in der Antarktis gewesen wäre und dieses Erlebnis gehabt hätte, könnte ich keinen Vortrag über die Shackleton-Expeditionen halten.

Welchen großen Abenteurer nehmen Sie sich als nächsten vor?

Messner : Es ist soeben mein Buch »Der Eispapst« über den Bergsteiger Wilhelm Welzenbach erschienen. Die ganzen Unterlagen aus den 30er Jahren hat mir jemand zugespielt und mich gebeten, daraus etwas zu machen. Ich war zu Beginn erst skeptisch, aber das Projekt hat sich beinahe zu einem Kriminalroman entwickelt. Jetzt habe ich das Gefühl, als hätte ich mit Wilhelm Welzenbach in den 30er Jahren gelebt.

Werden Ihre sechs Museen einmal Ihr Vermächtnis sein?

Messner : Ja, die Museen sind zum Teil mein Erbe, weil ich sie mit meinen Erfahrungen und meinen Sammlungen gefüllt habe. Und ich hoffe, dass die nächste Generation in der Lage sein wird, die Geschichte fortzuerzählen. Meine Museen sind nichts anderes als das Narrativ über die Menschennatur und Bergnatur. Natürlich kommt auch die Antarktis vor, und immerhin ist dieser riesige Eiskuchen in der Mitte 4000 Meter hoch. Wenn man so will, also auch ein Gebirge. Mit den Museen habe ich die richtigen Positionen gefunden und besetzt. Von den sechs Museen gehören zwei Häuser mir und die anderen dem Land Südtirol, einer Stiftung, einer Kommune und einem Unternehmen. Wir müssen weltweit das führende Bergmuseum bleiben, sonst ist der Betrieb freiwirtschaftlich nicht möglich. Wir brauchen keine Subventionen und sind zu 100 Prozent frei.

Ihre Tochter Magdalena managt Ihr Lebenswerk schon jetzt. Hat Ihre Tochter Sie gut im Griff? Müssen Sie sich auch mal fügen?

Messner : Ich rede ihr nicht mehr rein. Sie hat alles allein zu entscheiden. Sie hat Kunstgeschichte und Wirtschaft studiert und hat die Kompetenz. Ich bin ja kein Fachmann, sondern ein Selfmade-Museumsgestalter mit einer ganz eigenen Vorstellung der Erzählweise. Für mich ist ein Museum kein Aufbewahrungsort alter Sachen, sondern ein Ort zum Geschichtenerzählen. Ich erzähle Geschichten mit Reliquien, Texten, Zitaten und Kunst. Für mich ist die Kunst ein Mittel zum Erzählen. Wir sind kein Kunstmuseum und kein Naturkundemuseum. Wir sind ein Haus, in dem Geschichten erzählt werden. Und am Ende war ich von der gemeinsamen Arbeit mit meiner Tochter so begeistert, dass ich ihr die Museen gegeben habe.

Einfach so?

Messner : Das ist eine große Verantwortung, aber kein großer Besitz. Sie hat die Auflage, die Kunstschätze nicht weiterverkaufen zu dürfen. Denn ohne die Kunst wäre das Museum tot. Alles muss zusammenbleiben. Und es braucht einen leidenschaftlichen Menschen, der das weiterverfolgt. Dann wird das auch funktionieren. Ich genieße die Museen jetzt immer mehr, trinke einen Kaffee und schaue kurz durch, ob alles in Ordnung ist.

Ihr Sohn Simon sieht Ihnen ziemlich ähnlich und ist auch in den Bergen unterwegs. Gibt es Momente, in denen Sie sich in ihm erkennen?

Messner : Das nicht, obwohl er mich bei unseren Filmprojekten doubelt. Ich erlebe die Geschichte jetzt umgekehrt wie früher. Wenn ich als junger Mann auf großen Expeditionen war, wussten die Eltern daheim über Monate nicht, was los ist. Mein Sohn hat gerade zwei große Erstbegehungen gemacht, eine im Karakorum und eine im Himalaya. Bei der ersten war ich dabei und schaute zu. Eigentlich wollte ich auch hinaufsteigen, aber es war zu gefährlich. Bei der anderen war ich nicht dabei, da war mein Sohn zwei Tage außer Reichweite. Bei uns gab es früher kein Satellitentelefon, da gab es überhaupt keine Verbindung zur Außenwelt. Heute funktioniert die Kommunikation zum Teil, aber nicht überall. Als ich keinen Kontakt zu meinem Sohn hatte, war ich in der Position des Wartenden. Und das ist eine schwierigere Situation als die Seite des Akteurs. Wenn es am Berg um Leben und Tod geht, dann denkt man nur ans Überleben und nicht an die Menschen daheim.

Wünschen Sie sich, dass Ihre Tochter Magdalena und Ihr Sohn Simon die Museen gemeinsam weiterführen?

Messner : Ich lasse meinen Kindern alle Freiheiten. Aber es ist richtig, dass ich Simon später auch im Museum sehe. Denn er ist der Kenner, er hat die Berge erlebt und kann die Erfahrungen anderer Bergsteiger in die Museen übersetzen. Magdalena ist keine Bergsteigerin, sie will das auch nicht.

In Ihrem neuen Buch richten Sie einen Appell an alle, die wandern, klettern und bergsteigen und sich in den Bergen aufhalten. Warum ist eine Werte-Charta für die Berge notwendig?

Messner : Ich habe diese Charta angefangen, als ich noch Politiker war, und sie ständig ergänzt und überarbeitet. Es ist nicht so, dass ich die Veröffentlichung zu meinem 75. Geburtstag vorgesehen habe. Die Charta ist eine Alterserkenntnis, keine Altersweisheit. Ich spüre eine Verantwortung für das Narrativ der Berge. Insofern ist das Buch auch ein Teil des Erbes, das ich hinterlassen werde.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie das Foto von dem Stau vor dem Mount Everest betrachten?

Messner : Ich werde nicht sagen, dass man das nicht darf. Im Grunde herrscht am Berg Anarchie, es gibt keine Gesetze. Da steht auch niemand, der die Blutwerte misst und prüft, wie viel da gedopt wird. Was im Basislager abgeht, das ist ja bisher noch gar nicht behandelt worden. Dass die Leute in Kolonnen auf den Mount Everest gehen, ist nur möglich, weil der Berg präpariert wird. Der Klettersteig verläuft vom Basislager bis zum Gipfel. Und in allen Lagern sind Köche und Küchenhilfen und Ärzte. Das Wetterfenster ist klein, es öffnet sich nur im Mai für ein, zwei Wochen. Und dann stürzen sich alle diese wartenden Kunden von Reiseveranstaltern im Gänsemarsch den Berg hinauf. Dabei entstehen neue Gefahren. Die Leute stehen im Stau, erfrieren sich die Füße, der Sauerstoff geht aus. Im Grunde ist das ein absoluter Blödsinn, weil die Menschen genau das Gegenteil suchen. Was am Mount Everest stattfindet, ist Tourismus. Wenn ich das kritisiere, heißt es immer, dass ich ja auch oben war. Das ist richtig, aber in einer ganz anderen Form. Und nur in dieser Form hat es einen Wert.

Wie können Sie als Ikone des Alpinismus da eingreifen?

Messner : Beim 50-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung des Mount Everest war ich 2003 mit Sir Edmund Hillary beim König von Nepal. Wir baten ihn darum, die Zahl der Expeditionen zum Mount Everest zu begrenzen. Er sagte, das werde er nicht durchsetzen können, weil jeder Teilnehmer einer Expedition 10.000 Dollar, heute 11.000 Dollar, in Nepals Staatskasse zahlt. Wenn 3000 Leute pro Saison auf den Berg wollen, dann ist das für ein armes Land sehr viel Geld. Hinzu kommen die Sherpas und die Lodges, die auch ihr Geld verdienen wollen.

Funktionieren Sie noch als alpines Weltgewissen? Dringen Sie heutzutage durch?

Messner : Das wird zunehmend schwieriger. Ich habe die Phasen des Alpinismus neu definiert. Früher gab es den goldenen, silbernen und eisernen Alpinismus. Die Begriffe sagen gar nichts. Ich habe neue Ausdrücke gefunden, Eroberungsalpinismus, Schwierigkeitsalpinimus und Verzichtsalpinismus. Der wäre mir am liebsten, aber er hat sich nicht durchgesetzt. Was heute passiert, ist Pistenalpinismus, weil das Höhenbergsteigen einer Piste folgt. Wo keine Piste ist, geht niemand hin. Heute gibt es weniger traditionelle Bergsteiger als vor 50 Jahren. Die Wege zu den berühmten Bergen sind für die Massen entschärft worden. Es gibt Tausende unbestiegene Berge in Asien, aber Pionieralpinismus findet nicht mehr statt. Ein Grund ist auch, dass nur noch Superlative zählen. Eine schwierige Route auf einen 6800 Meter hohen Berg, den keiner kennt, interessiert keinen mehr.

Ist Ihnen die deutsche Klimadebatte zu hysterisch? Warum zieht das Thema zum Beispiel in Italien nicht so stark?

Messner : Weil die Grünen in Deutschland entstanden sind. In Deutschland hat man auf Umweltthemen immer schon früher reagiert als anderswo. Je weniger fundamentalistisch die Grünen agieren, desto erfolgreicher sind sie. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann macht praktische Politik und holt die Stimmen in der Mitte. Ich brauche keine Wissenschaftler, um den Klimawandel für Realität zu halten. Ich sehe in den Bergen, wie die Wälder nach oben gehen und die Muren nach unten. Es ist nicht so einfach, das in Jahrhunderten zu heilen. Wenn wir überhaupt dazu in der Lage sind, die globale Erwärmung zu bremsen, dann dauert es Jahrtausende, bis wir bei der Erderwärmung wieder ein Gleichgewicht erreichen.

Haben Sie als 75-Jähriger noch einen Traum, den Sie verwirklichen möchten?

Messner : 1970 war wegen der Ereignisse am Nanga Parbat mein Schlüsseljahr. Nach einem halben Jahr der Trauer und der Unsicherheit entschied ich mich zum Höhenbergsteigen und dazu, bei meiner Leidenschaft zu bleiben. Daraus entstand die Erkenntnis, dass ich nach einer erfolgreichen und extremen Grenzerfahrung etwas ganz Neues machen muss. Das habe ich bislang sechsmal gemacht, ich habe sieben Leben gelebt. Und so langsam lege ich das siebte Leben ad acta. Ich habe noch einige Filme im Kopf, die ich verwirklichen möchte. Und vielleicht reicht es noch für etwas Neues, das nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Meine Ideen reichen über die geschenkte Zeitspanne im Leben hinaus.

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