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Leben auf dem Land dank Home-Office: eine einmalige Chance?

Die Stadt war lange Zeit das Ziel der Menschen: Dort wird der Fortschritt gemacht und alles ist schnell und unkompliziert erreichbar. Das Coronavirus und der steigende Grad der Digitalisierung haben jedoch teilweise für ein Umdenken gesorgt. Das Home-Office wird immer attraktiver, die Nähe zu einem physischen Arbeitsplatz ist keine zwingende Voraussetzung mehr.

Von Aschendorff Medien

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Eine langsame Trendwende?

Im Jahr 2020 lebten etwa 77,4 % der deutschen Bevölkerung in Städten. Dafür gibt es gute Gründe: Das Freizeit- und Kulturangebot ist deutlich ausgeprägter, die Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten ist verführerisch. Gleichzeitig bringen große Städte aber auch Probleme mit sich. So benötigen sie zwar nur 3 % der zur Verfügung stehenden Erdoberfläche, aber sie nehmen gleichzeitig 70 % des Energiebedarfs auf. Dies wirft Fragen in Bezug auf den Klimawandel auf.

Aktuell scheint das noch kein Thema zu sein, denn die bisherige Landflucht arbeitet (noch) unbegrenzt weiter. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten ist jedoch davon auszugehen, dass sich das ändern könnte.

Corona, Mietpreise, Digitalisierung und die Folgen

Es wird immer mehr Menschen auf dem Planeten geben. Die UN geht davon aus, dass wir eine Masse von etwa 11 Milliarden Menschen erreichen werden, bevor der Trend abflachen und sich dann umkehren wird. Daraus folgen mehrere Rückschlüsse:

·         Die Anzahl der Personen, die Wohnraum benötigen, wird innerhalb dieses Jahrhunderts weiter steigen.

·         Die Fläche, die auf der Erde bereitsteht, ist auf natürliche Weise begrenzt.

Folgen wir jetzt den einfachen Gesetzen der Marktwirtschaft, wird deutlich, dass die Nachfrage das Angebot deutlich übersteigen wird. Ergo werden die Mieten und die Preise für Häuser weiter steigen. Bereits jetzt zieht es viele Menschen aus belebten Stadtkernen heraus und stattdessen in ländliche Gebiete oder zumindest den Speckgürtel von Berlin, München, Frankfurt, Hamburg & Co.

Das ist zwar günstiger, aber gleichzeitig folgt daraus, dass Arbeitende nun jeden Tag viele Kilometer per Auto, Bus oder Bahn zurücklegen müssen. Dies wiederum wirft uns zurück zum Problem des Klimawandels: Ist es sinnvoll, aus der Stadt zu ziehen, aber dafür 80 Kilometer am Tag mit einem Auto zu fahren?

Besser ist, nicht zuletzt vor diesem Hintergrund, eventuell eine Entwicklung, die durch die Pandemie begünstigt wurde: das Home-Office, das ganz eigene Chancen mitbringt.

Das Home-Office: Was muss gegeben sein?

Mit guten Vorsätzen allein ist es leider nicht getan. Das Home-Office ist in der Regel nur dann eine Möglichkeit, wenn der Arbeitgeber ohnehin eine starke IT-Ausrichtung mitbringt. Das heißt, dass der absolute Großteil der Arbeit an PCs oder Notebooks stattfindet. Ist dies der Fall, macht es theoretisch keinen Unterschied, an welchem konkreten Gerät die geplanten Aufgaben erledigt werden. Ein PC zu Hause ist ebenso gut geeignet wie ein PC im Büro oder auf der anderen Seite der Welt.

In Deutschland ist das aber je nach Lage nicht so einfach. Der schwache Grad der Digitalisierung bedeutet, dass ausreichend schnelle Internetverbindungen nicht überall gegeben sind. Müssen Mitarbeiter ständig umfangreiche Daten hin und her senden, kann es sein, dass dies im Hinblick auf die Infrastruktur vor Ort im Home-Office einfach nicht möglich ist. Weltweit gesehen befinden wir uns in Deutschland nur auf Rang 38 in Bezug auf die durchschnittliche Internetgeschwindigkeit. Daraus folgt: Damit es mit dem Home-Office funktionieren kann, muss die Infrastruktur ausreichend schnell und zuverlässig sein. Klappt es mit der Internetverbindung nur hin und wieder und ist einfach nicht genug Geschwindigkeit vorhanden, platzt auch der Traum vom Home-Office - oder ein Umzug ist notwendig. Sofern theoretisch alle Gegebenheiten vor Ort stimmen, warten dann die folgenden Pluspunkte.

Foto: stock.adobe.com @ Jacob Lund DATEI-NR.: 391243491

Das Home-Office und seine Vorteile

1.       Mehr Zeit
Der Weg zur Arbeit entfällt und das kann viel Zeit freischaufeln. Wer täglich 30 Minuten zur Arbeit fährt und 30 Minuten wieder zurück unterwegs ist, spart eine Stunde - oder 22 Stunden im Monat oder über 1.000 Stunden im Jahr. Das ist enorm viel Freizeit, die sich auf diese Weise gewinnen und für andere Dinge investieren lässt.

2.       Ungestörtes Arbeiten
Es gibt keine Kollegen, die bei der Arbeit stören könnten. Zu Hause im Home-Office ist man allein (oder von Menschen umgeben, die auf die Arbeit hoffentlich Rücksicht nehmen können). Das kann hinsichtlich der Produktivität wahre Wunder bewirken.

3.       Geringere Ausgaben
Menschen im Home-Office müssen nicht fahren und können theoretisch aus dem Bett hüpfen und sofort mit der Arbeit beginnen. Teure Fahrten oder Kleidung, um im Büro repräsentabel auszusehen? All das entfällt, wodurch Geld gespart werden kann - um etwa in einen Urlaub zu fliegen.

Außerdem winken die Vorteile der eigenen vier Wände im Allgemeinen. Home-Office-Worker fühlen sich vielleicht wohler, weil sie zu Hause sind. Der Kühlschrank ist nur ein paar Schritte entfernt - teures Essen in einer Kantine fällt weg. Die Zeit lässt sich ebenfalls meist freier einteilen. Leider ist aber nicht alles Gold, was glänzt.

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Die Risiken des Home-Office

Die besprochenen Vorteile müssen nicht für alle Menschen gleichermaßen gelten. Beispielsweise ist es zu Beginn schwierig, die notwendige Disziplin mitzubringen. Arbeitet man jetzt - oder sollte man kurz etwas essen, ein paar YouTube-Videos schauen, den Einkauf erledigen oder mit dem Hund rausgehen? Zu Hause droht die Ablenkung praktisch überall, während in einem Büroraum nicht viel Platz für Ablenkung ist. Nicht alle Menschen bekommen das in den Griff. Sie brauchen die Atmosphäre, die in einem Büro herrscht, um produktiv zu sein. Außerdem entfällt der Austausch mit den anderen Mitarbeitenden. Ideen können nicht mal eben auf dem Flur in einer Kaffeepause besprochen werden. Hilfe sitzt nicht drei Meter nebenan im anderen Büro, sondern muss erst via Telefon oder Messenger kontaktiert werden. Dies kann zu einem gewissen Gefühl der Einsamkeit führen. Tage oder Wochen vergehen, ohne dass man einen anderen Menschen zwingend sehen muss. Das hat bereits während der Corona-Lockdowns für einige Personen psychische Folgen gehabt.

Hybrid als Lösung?

Eine eventuell sinnvolle Lösung für die genannten Probleme ist eine Zweiteilung der Arbeitszeit: 25 Stunden in der Woche finden zu Hause statt, 15 Stunden wird im Büro gearbeitet. So findet keine völlige Entfremdung mit den Kolleginnen und Kollegen statt, aber die Vorteile des Home-Office bleiben trotzdem erhalten.

Am Ende ist es aber meistens eine persönliche Entscheidung. Manche Menschen sind für das Home-Office wie geschaffen und blühen regelrecht auf - oft eher introvertierte Personen -, während andere dort einfach nicht arbeiten können. Eine Patentlösung können wir an dieser Stelle daher nicht ansprechen und empfehlen, sofern es der Arbeitgeber zulässt, es einfach über eine gewisse Zeit auszuprobieren.

Hauskauf: die Voraussetzung für das Home-Office?

Ein Home-Office setzt nicht zwingend ein eigenes Haus voraus. Auch in Mietwohnungen lässt sich sehr gut arbeiten. Wer sich jedoch einmal an die Arbeit im Home-Office gewöhnt hat und die neue Freiheit genießt, spielt vielleicht schnell mit dem Gedanken, das Thema eines Hauskaufs anzugehen. Hier sollten jedoch neben der reinen Eignung als Home-Office mehrere grundsätzliche Faktoren vorab genaustens durchdacht und abgewogen werden. Die wichtigsten Fakten sind die Antworten auf folgende Fragen:

·         Wo genau liegt das Haus und welche geografische Entwicklung ist in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten? Ist die Lage des Hauses als potenzielle Heimat für die nächsten Jahrzehnte geeignet? Wie ist die Infrastruktur?

·         Wie steht es um die eigenen Finanzen und damit um die finanzielle Planung des Hauskaufs? Müssen Renovierungen und Sanierungen mit eingeplant werden? Wird ein Kredit benötig und wenn ja, über welche Summe?

·         In welchem Zustand befindet sich das zu kaufende Haus - und wie wird überhaupt ein Kaufvertrag aufgesetzt? Welcher bürokratische und organisatorische Aufwand kommt neben dem reinen Hauskauf auf mich zu? Ist das Haus sofort einzugsbereit oder müssen vorher noch die Handwerker rein?

Erst nach der Klärung dieser und weiterer wichtiger Fragen sollte ein eventueller Hauskauf in Betracht gezogen werden. Zu groß ist die damit einhergehende Verantwortung und Belastung für eine einfache spontane Entscheidung.

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