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New York widmet Gerhard Richter eine große Retrospektive

Der Meister mit dem Farbwischer

New York/Bielefeld (WB). 100 Werke aus 60 Schaffensjahren (1957-2017) des deutschen Malers Gerhard Richter (88) zeigt das New Yorker Museum The Breuer in seiner letzten Ausstellung im Gebäude an der Madison Avenue.

Burgit Hörttrich

Neben abstrakten, großformatigen Tableaus sind auch viele farbenfrohe Aufnahmen wie die Farbtafeln aus der Arbeit „4900 Colours“ (4900 Farben) ausgestellt. Foto: Burgit Hörttrich

Richter gilt als der Künstler der Gegenwart, dessen Arbeiten die weltweit höchsten Preise erzielen. Auch die Kunsthalle Bielefeld besitzt zwei Richter-Werke, deren Verkauf für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag vor zwei Jahren ernsthaft, wenn auch nur kurz, in den Reihen der Politik diskutiert wurde.

Gezeigt werden die Arbeiten in New York unter der Überschrift „Painting After All“. Die Schau auf zwei Etagen erzählt nicht nur von Gerhard Richters künstlerischer Entwicklung, sie ist gleichzeitig sehr persönlich – eine Lebensbilanz.

Zu sehen sind abstrakte, großformatige Tableaus, aber auch Familienbilder und Skulpturen aus Glasscheiben wie etwa das „House of Cards“, das korrespondiert mit „September“. Mit diesem Gemälde verarbeitete Gerhard Richter die Anschlagsserie vom 9. September 2001.

Die Ausstellung zeigt frühe Bilder Richters, die in den 1960er Jahren in seiner Zeit an der Kunstakademie in Düsseldorf entstanden. Basis dafür waren Originalfotos, die er vergrößerte, Schicht um Schicht überarbeitete. Die (Schwarzweiß-)Motive wirken verwischt, die Menschen auf den Bildern scheinen wie aus einem Nebel aufzutauchen. Oder aber im Nebel zu versinken.

Dazu gehören auch Bilder, die „Onkel Rudi“, den Bruder seiner Mutter, in Wehrmachtsuniform zeigen, Richter als Kind mit seiner Tante Marianne Schönfelder, die im Konzentrationslager umgebracht wurde, und ein Familienbild seiner ersten Frau Ema (Marianne Eufinger) mit Richters Schwiegervater, der während der Nazi-Herrschaft als Mediziner einer der Verantwortlichen für Zwangssterilisation war.

Es gibt ein Selbstporträt, Porträts von befreundeten Künstlern, Porträts seiner Kinder und Bilder seiner dritten Frau Sabine Moritz mit dem neu geborenen Sohn, das an eine Madonna mit Kind zu gemahnen scheint.

Zum ersten Mal 2014 in Richters Heimatstadt Dresden ausgestellt waren die großflächigen Wandtafeln des Birkenau-Zyklus. In New York werden die Gemälde ergänzt durch eine große Glaswand, in der sich die Betrachter des düsteren Zyklus spiegeln, und durch Originalfotos, die Grundlage der Arbeit waren und die zeigen, wie Frauen im Konzentrationslager Birkenau in die Gaskammern getrieben wurden.

Einzelnen Bäumen gewidmet ist die Serie „Forest – Wald“: weniger düster, eine Ahnung von Licht, von Hoffnung.

In einem Video ist der Künstler selbst zu sehen, wie er mit einem Wischer seine Bilder bearbeitet, immer wieder neue Farbschichten aufträgt, scheinbar viel dem Zufall überlässt, dabei aber immer die Kontrolle behält.

In New York war die letzte große Gerhard Richter-Ausstellung im Museum of Modern Art (MoMa) zu sehen – 2002 mit 188 Werken.

Gerhard Richter wurde nach der Mittleren Reife zum Bühnen- und Werbemaler ausgebildet. 1950 wurde sein Aufnahmeantrag für die Hochschule für Bildende Künste in Dresden zunächst abgelehnt, ein Jahr später konnte er jedoch sein Studium aufnehmen. Er schuf Wandgemälde unter anderem für die Akademie und das Hygienemuseum. Nach seiner Flucht aus der DDR 1961 wurden diese Bilder jedoch übermalt. Nur wenige Richter-Bilder aus den 1950er Jahren blieben erhalten. Richter setzte sein Kunststudium in Düsseldorf fort, erhielt 1971 dort eine Professur. Richter lebt heute in Köln.

Im Palais Barberini in Potsdam war 2018 eine große Richter-Schau zusehen – mit überwiegend anderen Werken als aktuell in New York.

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