1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Ueberregional
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. „Ein Agnostiker mit Gottvertrauen“

  8. >

Wolfgang Niedecken im Gespräch – der Kölner Deutsch-Rocker wird an diesem Dienstag 70 Jahre

„Ein Agnostiker mit Gottvertrauen“

Köln (epd)

Der Kölner Rockmusiker Wolfgang Niedecken, der Dienstag 70 Jahre alt wird, hält zur Kirche eine liberale Distanz. Er sei katholisch erzogen worden und halte einen Gott für möglich, „aber ich weiß nicht, wer das ist“, sagte Niedecken

Holger Spierig

Wolfgang Niedecken, Sänger der Kölsch-Rock-Band „BAP“ wird 70 Jahre alt. Foto: Jan Woitas

„Auf jeden Fall bin ich kein Atheist.“ Mit dem Evangelischen Pressedienst sprach der Gründer der Band BAP außerdem über „Querdenker“, seinen Schlaganfall vor zehn Jahren und über das Songschreiben.

Das große Geburtstagskonzert in der Kölner Lanxess-Arena kann coronabedingt nicht stattfinden. Wie feiern Sie jetzt Ihren 70.?

Wolfgang Niedecken: Es wird eine kleine Geburtstagsfeier - also komplett nur in Familie: Meine Töchter werden aus Berlin anreisen und bringen den Enkel mit. Sie werden sich vorher testen lassen. Sowas finde ich auch schön. Natürlich ist es schade, dass wir nicht live spielen können. Das holen wir aber nach: Das Geburtstagskonzert wird am 30. März 2022 in der Lanxess-Arena sein.

Wie verbringen Sie die Zeit in der Pandemie - Sie müssten ja jetzt viel freie Zeit haben?

Niedecken: Ich habe viel zu tun. Wir haben gerade unser „Alles fließt“-Album in einer Geburtstagsedition rausgebracht. Es ist angereichert mit einer DVD und mit zusätzlichen Stücken aus dem letzten Tourprogramm sowie vier neu aufgenommenen Stücken aus der Vorzeit. Damit feiern wir dann sozusagen den Geburtstag bei unseren Fans zu Hause auf dem Plattenteller.

In dem Stück „Ruhe vor‘m Sturm“ auf diesem Album warnen Sie vor rechten Populisten. Was denken Sie über die Bewegung der „Querdenker“?

Niedecken: Wenn man mit einer Regenbogenflagge rumläuft, wo „Peace“ draufsteht und fünf Meter weiter Leute die Reichsflagge schwenken, muss man sich schon fragen: Mit wem machen wir uns gemein? Bei den „Querdenkern“ sind jede Menge Rechte dabei, die einen Keil in die Gesellschaft treiben wollen. Die Grenzen zwischen AfD, NPD, Reichsbürgern und Querdenkern sind fließend. Das sind Leute, die sich unter den verschiedensten Mäntelchen immer wieder unangenehm bemerkbar machen. Die Demokratie muss hier wehrhaft bleiben. Denn was Besseres als die Demokratie ist der Menschheit bislang nicht eingefallen.

Sie sind seit 2004 Sonderbotschafter der Hilfsaktion „Gemeinsam für Afrika“ und haben ein Hilfsprogramm für Kindersoldaten mitgegründet. Was hat Sie in Ihrem Engagement in Afrika am meisten bewegt?

Niedecken: Am meisten bewegt hat mich das Schicksal der Kindersoldaten. Die Kindersoldaten in dem Bürgerkrieg in Nord-Uganda, wo ich sie zum ersten Mal live wahrgenommen habe, haben mir den Schlaf geraubt. Als ich gesehen habe, was die tun mussten, was die erleiden mussten und wie traumatisiert die sind, war für mich eigentlich nichts mehr wie vorher.

Welche Konsequenzen hat das gehabt?

Niedecken: Ich musste mich da engagieren, sonst hätte ich nicht mehr in den Spiegel schauen können. Deshalb haben wir das Projekt „Rebound“ gegründet. Die Einrichtungen sind so etwas wie Berufsschulen: Dort können wir den Kindersoldaten, die ihren Häschern entkommen sind, ein Handwerk beibringen. Damit sollen sie ihren Lebensunterhalt verdienen können und nicht mehr darauf angewiesen sein, mit Milizen mordend und plündernd durch die Gegend zu ziehen.

Vor zehn Jahren hatten Sie einen Schlaganfall, den Sie als „dunkelgelbe Karte“ bezeichnet haben. Wie geht es Ihnen heute?

Niedecken: Ich habe das immer noch im Hinterkopf. Ich will nicht Gelb-Rot kriegen. Daher nehme ich mich sehr in Acht: Ich treibe jeden Tag Sport, mache meine Gymnastikübungen, ernähre mich gesund und gehe jeden Tag mindestens eine Stunde mit dem Hund durch den Wald. Man muss in diesem Beruf halt fit bleiben. Ich kann mich nicht gehenlassen, und mich dann irgendwann darüber wundern, dass ich es irgendwann vor lauter Wampe nicht mehr auf die Bühne schaffe (lacht). Das geht nicht.

Aus Rücksicht auf ihren katholischen Vater sind Sie erst nach dessen Tod aus der Kirche ausgetreten, haben Sie einmal gesagt. An was glauben Sie?

Niedecken: Ich bin ein Agnostiker mit Gottvertrauen. Ich bin katholisch erzogen worden, halte es für möglich, dass es einen Gott gibt, aber ich weiß nicht, wer das ist. Vielleicht gibt es auch keinen. Ich bin da sehr liberal. Auf jeden Fall bin ich kein Atheist. Da bin ich in der Tradition der meisten Kölner, die, wenn vom Herrgott die Rede ist, ein bisschen strammer stehen.

Gibt es nach einer mittlerweile 45-jährigen Musikerkarriere noch Themen, die Sie als Songwriter und Musiker reizen?

Niedecken: Ich lass das auf mich zukommen. Ich habe jedenfalls nirgendwo eine Liste, wo draufsteht: Du müsstest unbedingt mal ein Stück zum Thema soundso machen. Ich gehe sehr aufmerksam durch meine Welt, durch meinen Alltag und bemerke hier und da etwas. Wenn ich dann längere Zeit darüber nachdenke, dann fällt mir ein: Da könntest du eigentlich einen Song drüber schreiben. Ich warte auf die erste Zeile und dann setze ich mich hin und schreibe. Bei mir ist es so: Ich finde die Songs. Es ist ja alles in der Luft, es ist alles vorhanden: Die Töne sind da, die Themen sind da. Man muss sie nur bemerken.

Startseite
ANZEIGE