1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Ueberregional
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. „Jüdisches Leben in Deutschland“

  8. >

Wanderausstellung und Projekte zum Themenjahr 2021

„Jüdisches Leben in Deutschland“

Essen (epd/has)

Eigentlich ein schmuckes Objekt, dieser kunstvoll verzierte Bierkrug aus dem 19. Jahrhundert. Doch wenn man genauer hinsieht, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Denn die Bilder darauf illustrieren antisemitische Sprüche, üble Klischees wie der Geldsack und die Hakennase sind zu erkennen.

wn

In der Alten Synagoge in Essen wurde das Veranstaltungsprogramm vorgestellt. Foto: Peter Prengel

Ein wahrlich abschreckendes Beispiel für deutschen Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Zum Glück ist das nur eine kleine Facette des großen Projekts im Jahr 2021, an dem sich die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe gemeinsam beteiligen und das sie gestern in der Alten Synagoge in Essen präsentiert haben.

Das bundesweite Veranstaltungsprogramm „2021: Jüdisches Leben in Deutschland“ (20201JLID) prägt, so der Plan, die Kulturkalender mit Ausstellungen, Konzerten, Theatervorführungen, Workshops und Diskussionsforen. „Unsere Aktivitäten ermöglichen im Verbund einen sehr differenzierten Blick auf jüdisches Leben in Deutschland, der vielfältige Anknüpfungspunkte für einen interreligiösen Austausch bietet“, fasst Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), die Aktivitäten in Nordrhein-Westfalen zusammen. Gemeinsam böten die Kulturstiftung des LWL und der Landschaftverband Rheinland (LVR) mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten ein attraktives Kulturprogramm, dessen Höhepunkt die Wanderausstellung „Menschen, Bilder, Orte – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ des Jüdischen Museums MiQua im Archäologischen Quartier Köln ist. Der LVR hat eine Projektfamilie gebildet, die die 1700-jährige Geschichte jüdischen Lebens im Rheinland sichtbar macht. In das Projekt fließen Eigenmittel und Mittel der Regionalen Kulturförderung des LVR in Höhe von rund 1,2 Millionen ein. Der LWL mit seiner Kulturstiftung bringt sich in die Kooperation ein und unterstützt 24 Kulturprojekte fast aller Kultursparten in Westfalen-Lippe mit rund 800.000 Euro.

Das MiQua-Museum hat eine Ausstellung konzipiert, die mit vier multimedialen Ausstellungskuben im nächsten Jahr durch NRW tourt: Sie startet in der Alten Synagoge in Essen (März bis April), geht in das LWL-Landeshaus in Münster (Mai bis Juni) und in das LVR-Landeshaus in Köln (Juli bis August) und macht Station im LVR-Niederrheinmuseum in Wesel (Mitte August bis Mitte Oktober) und im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund (Mitte Oktober bis Dezember).

Anfangspunkt der Ausstellung ist das von Kaiser Konstantin im Jahr 321 erlassene Dekret, das den Provinzhauptstädten im Römischen Imperium die Berufung von Juden in den Stadtrat gestattete. Als älteste erhaltene Quelle weist es auf die Existenz von Juden im deutschsprachigen Raum hin. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen bedeutende und weniger bekannte Persönlichkeiten: Ihre Lebenswege spiegeln markante Ereignisse und Epochen jüdischer Geschichte in Deutschland wider. In den Themen: „Recht und Unrecht“, „Leben und Miteinander“, „Religion und Geistesgeschichte“, „Gesichter, Geschichten und Gefühle“ werden die 1700-jährige Geschichte und Geistesgeschichte des Judentums in Deutschland erfahrbar.

Mit einem eigenen Förderprogramm von rund 800.000 Euro rief die LWL-Kulturstiftung im Sommer Akteure aus ihren erprobten Kulturnetzwerken, aber auch neue Kooperationspartner wie jüdische Kultusgemeinden zur Beteiligung auf. 24 Projekte in 14 Städten, darunter Bielefeld, Bochum, Siegen, Gronau, Münster, Minden sowie in digitalen Formaten formen daraus ein Veranstaltungsprogramm mit Lesereisen, Film- und Konzertreihen, Tanz- und Theaterperformances, traditionellen Klängen und Schlagermelodien, Medienprojekten, Klangin-stallationen und Ausstellungen. Neben bekannten Kulturorten gibt es dabei auch ungewöhnliche Plätze zu entdecken, die auch acht der insgesamt elf in Westfalen-Lippe beheimateten jüdischen Gemeinden sowie die jüdische Gemeinde in Enschede (Niederlande) eingebracht haben.

Ein Beispiel für ein Kooperationsprojekt ist das Vorhaben des Förderkreis Alte Synagoge Epe in Gronau (Kreis Borken) zusammen mit verschiedenen Partnern aus der Kulturszene und der jüdischen Gemeinschaft der Grenzregion: Unter dem Titel „Nicht nur Klezmer – Vielfalt erleben“ initiiert der Förderkreis im Herbst 2021 in der Musikstadt Gronau, den Niederlanden und an der Landesmusikakademie Heek ein Musikprojekt zu jüdischen Klängen von der Romantik bis heute.

Schon unmittelbar nach dem offiziellen Start des bundesweiten Themenjahres am 21. Februar füllt sich auch in Westfalen-Lippe der Veranstaltungskalender: Das Theater im Pumpenhaus in Münster lädt Anfang März mit dem Tanz- und Performance-Festival „Israel ist real“ zu einem international besetzen Programm ein, das aktuelle Positionen der jüdisch-israelischen Szene präsentiert. Von Juli bis September bietet dann der „Jüdische Kultursommer“ der jungen Künstlerszene aus der Region eine Bühne im Jüdischen Museum Dorsten. Im November wartet ein besonderer Höhepunkt auf das Publikum: Im Preußenmuseum Minden wird aus Anlass der Wiedereröffnung des Hauses mit der Schau „Jüdisch? Preußisch? Oder was?“ (11. November) die neue Sonderausstellungsfläche eingeweiht.

Über das Edikt von 321 hat das MiQua-Museum den einführenden Text „Das Dekret von 321: Köln, der Kaiser und die jüdische Geschichte“ veröffentlicht. Diese Publikation kann beim MiQua z.B. per E-Mail an miqua@lvr.de kostenfrei angefordert werden.

Das Förderprogramm der LWL-Kulturstiftung zum Themenjahr 2021: in einer Übersicht:

Startseite
ANZEIGE