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Parzinger: Zerstörtes Kulturerbe ist Angriff auf Menschen

Konflikte und Kriege richten sich zu oft auch gegen kulturelles Erbe. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz fordert international entschiedenes Vorgehen.

dpa

Hermann Parzinger, Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Foto: Fabian Sommer

Berlin (dpa) - Angesicht systematischer Zerstörung von Kulturerbe bei internationalen Konflikten sieht der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, die internationale Gemeinschaft gefordert.

«Wenn Kulturstätten zu symbolischen Schlachtfeldern werden, ist das häufig auch mit Massengräueltaten verbunden», sagte Parzinger der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Darauf müsse die Weltgemeinschaft wirkungsvoller reagieren.

«Wenn Kulturerbe systematisch zerstört wird, ist es immer auch ein Angriff auf die Menschen. Hier sollte man nicht vollkommen außer Betracht lassen, robust einzugreifen, weil es dabei auch die Identität und Zukunft der Menschen geht.» Gleichzeitig räumt er ein, ein robuster Schutz sei schwierig, weil das die Entschiedenheit der Weltgemeinschaft voraussetze.

«Militärische Interventionen sind immer schwierige Entscheidungen. Menschenleben sind natürlich immer wichtiger als Steine. Aber es ist vollkommen klar: Wer Menschen vertreibt und vernichtet, zielt auch auf ihr kulturelles Erbe, um eine Rückkehr unmöglich zu machen. Das war schon die Strategie der Nazis», sagte Parzinger.

Der Stiftungschef verwies auf internationale Schritte. «Es gibt erste Reaktionen, indem gezielte Kulturzerstörungen als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet werden.» Es müsse aber noch entschiedener dagegen vorgegangen werden.

Der Archäologe und Prähistoriker hat seine Forschungen aktuell im Band «Verdammt und vernichtet - Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis zur Gegenwart» zusammengefasst. Darin zeigt er auf, wie Kulturzerstörungen die Geschichte blutiger Auseinandersetzung begleiten.

«Bewusste Kulturzerstörungen ziehen sich durch die ganze Menschheitsgeschichte und sind jeweils mit ganz unterschiedlichen Motivationen verbunden, sehr häufig sind sie ideologisch verbrämt», erläuterte Parzinger. «Eine ganz wesentliche Begleiterscheinung ist aber immer auch die Umverteilung von Vermögenswerten. Die Nazis haben die sogenannte Entartete Kunst verbrannt und gleichzeitig gegen Devisen verkauft.» Die Terrororganisation Islamischer Staat mache dasselbe. «Er zerstört Orte wie Palmyra, sprengt die Tempel, gleichzeitig lässt er systematisch plündern und verkauft die Antiken illegal ins Ausland, um seine Kriegsindustrie zu finanzieren.» Parzinger sieht da viele Parallelen.

Typisch für die Ereignisse im 20. und frühen 21. Jahrhundert sei die Verbindung von gezielten Kulturzerstörungen mit Massengräueltaten und Genoziden. «Das gilt für die Nazis in besonderer Weise, dazu gehören aber auch die ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien oder das Vorgehen des IS gegen die Jesiden.» Immer wieder zeige sich eine enge Verknüpfung von Massengräueltaten mit systematischer Zerstörung von kulturellem Erbe. «Wenn ein Gebiet dauerhaft in Besitz genommen werden soll, dann werden nicht nur die Menschen vertrieben oder vernichtet, sondern auch das, was symbolisch für sie steht - ihr kulturelles Erbe.»

Auch die Zerstörung von Denkmälern sieht Parzinger kritisch. «Ich verstehe, dass man zu gewissen Zeiten bestimmte Denkmäler nicht mehr sehen will», sagt er. Er verwies etwa auf die Denkmalstürze von Saddam Hussein im Irak oder von Lenin in Deutschland und Osteuropa. «Aber es sollte einen gesellschaftlichen Dialog darüber geben, wenn bestimmte Denkmäler von der Gemeinschaft mehrheitlich nicht mehr gewünscht sind», sagte Parzinger. «Einzelne Gruppen sollten sich nicht selbst das Recht nehmen, Denkmäler einfach zu zerstören. Wir haben demokratische Mechanismen, eine Debatte zu führen.» Die Debatten seien sehr wichtig, weil sie einer Gesellschaft Etappen ihrer komplizierten und schwierigen Geschichte bewusst mache.

- «Verdammt und vernichtet. Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis zur Gegenwart» von Hermann Parzinger, 368 S., Verlag C.H. Beck, ISBN 978-3-406-76484-4.

© dpa-infocom, dpa:210410-99-150140/2

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