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Sonderveröffentlichung

Vom dienstbeflissenen Nutztier zum echten Freund

Umgang mit Haustieren: Warum die Änderungen der letzten 50 Jahre sehr gut für Tier und Mensch sind

Für viele Familien hat sich in den letzten 50 Jahren wenig verändert in ihrem Umgang mit ihren Haustieren: Sie haben ihre Haustiere schon immer freundlich und gut behandelt, sie haben schon immer von und mit ihren Haustieren gelernt, sie haben ihre Haustiere schon immer bestens ernährt und gepflegt.

Aschendorff Medien

Foto: Colourbox

Diese Menschen waren bis 1972 nur nicht die "laute Mehrheit": Nach der schrecklichen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs herrschte überall Mangel, musste das ganze Gemeinwesen neu aufgebaut werden, um Menschen sichere Unterkunft und ausreichende Ernährung zu bieten. Eine gewaltige Anstrengung, die Regierende und Gesellschaft damals gemeinsam zu bewältigen hatten. In dieser Nachkriegszeit wurden etliche Zusammenhänge einer gesunden gesellschaftlichen Versorgung auf den Kopf gestellt (aus purer Not, aber auch in "blindem" Glauben an Fortschritt + Wissenschaft): Die Forstwirtschaft wurde auf eine unökologische Plantagen-Wirtschaft umgestellt, die Landwirtschaft sollte durch Einsatz neuer chemischer Gifte höhere Erträge erbringen, im Umgang mit den Nutztieren wurde eine Entwicklung in Richtung "widerlich" und "grausam" eingeleitet.

Heute lässt diese Entwicklung viele Menschen an Staat und Menschheit zweifeln; sie ist aber letztlich Ausfluss eines Selbstbilds des Menschen, das die moderne Wissenschaft prägte und noch nicht komplett überwunden ist: Das BGB war am 1.1.1900 unter dem Selbstverständnis in Kraft getreten, dass der Mensch als "Krone der Schöpfung" Tieren und Pflanzen weit überlegen ist und sie deshalb hemmungslos ausnutzen darf. Die Haustiere galten in dieser ursprünglichen Fassung des BGB wie die Nutztiere als Sachen, die keinen rechtlichen Schutz genossen, wenn sie von ihren Besitzern gequält oder misshandelt wurden.

Doch die Mehrzahl der Menschen, die ihre Tieren gut behandelt, möchte sie auch bei anderen gut behandelt sehen. Wie weit sich eine Gesellschaft für Tierwohl engagiert, ist jedoch eine Sache der Information und der Aufmerksamkeit: Die vielen kleineren Bauern, die mit ihren Tieren lebten statt Tierfabriken zu betreuen, haben sich mit dem Deutschen Bauernverband eine eher nicht zielführende Vertretung gewählt; die vielen Haustiere in den Familien haben ihre Sache viel besser vertreten: Vor allem auf ihre "Überzeugung durch Leben mit den Menschen" ist zurückzuführen, dass 1972 ein Tierschutzgesetz erlassen wurde, das die Menschen zum Schutz des Lebens und Wohlbefindens ihres "Mitgeschöpfs Tier" verpflichtet (§ 1 Satz 1 TierSchG).

Hege und Pflege mit Verantwortung

Das war vor 50 Jahren, seitdem ist das Tierschutzgesetz vielfach verschärft worden. Bis die Zeit reif war, die Stellung des "Mitgeschöpfs Tier" auch in unserem Grundgesetz des privaten, gesellschaftlichen Zusammenlebens zu ändern: 1990 wurde ein neuer Paragraph wurde ins BGB selbst aufgenommen (statt wie üblich in ergänzenden Rechtsvorschriften geregelt zu werden). Laut § 90a BGB sind Tiere seitdem keine Sachen mehr, sondern Mitgeschöpfe, die durch besondere Gesetze geschützt werden.

Seit der Aufnahme des § 90a ins Bürgerliche Gesetzbuch hat sich der Umgang mit Haustieren weiter ins Positive verändert (nicht nur, aktuell tobt ein Kampf gegen Qualzuchten, in dem unsere Regierung an den Grenzen schon viel und in Bezug auf die eigenen Zuchtverbände wohl noch zu wenig tut; hier ist aber mit mehr gesellschaftlicher Aufklärung ein Ende abzusehen).

Doch die positiven Veränderungen überwiegen bei Weitem, und sie sind überall spürbar:

  • Unsere Gesellschaft ist sich heute einig darüber, dass Kinder möglichst mit Haustieren aufwachsen sollten, um von ihnen Verantwortung und Mitgefühl zu lernen.
  • Es gibt zunehmende Bestrebungen, Menschen mit geistigen oder körperlichen Beschränkungen Haustiere als Assistenz zur Seite zu stellen
  • Strafgefangene werden in den USA schon sehr weitreichend mit Hilfe von Haustieren resozialisiert, wir beginnen gerade damit
  • Wir entdecken rundum das Können der Tiere: Hunde erschnüffeln bereits Hausschimmelbefall und Krankheiten; Katzen können nicht nur Kunststücke, sondern auch Yoga lernen ...

Deshalb gibt es auch heute Hunde- und Katzenversicherungen, die unsere Haustiere im Krankheitsfall ähnlich absichern wie Menschen. Das ist vermutlich der beste Beweis dafür, wie sehr wir unsere Haustiere heute als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft empfinden.

Was steckt dahinter? Welche Vorteile bringt der neue Umgang mit Haustieren?

Tiere tun dem Menschen gut, und wir merken das langsam wieder immer mehr. Wir merken auch immer mehr, wie gut der Umgang mit Tieren für den einzelnen Menschen ist, wie integrativ und ausgleichend Tiere auf die Gemeinschaft wirken.

Der § 90a S.1 BGB war Ausdruck einer deutlichen gesellschaftlichen Willensäußerung zu einem besseren Umgang mit Tieren.
Die dahinterstehenden Ideen wirken viel weiter:

Sie haben dazu geführt, dass die moderne Wissenschaft gerade die Tiere entdeckt: Vor 50 Jahren wusste jeder Mensch mit Haustieren, dass Hunde und Katzen denken und fühlen, ein Bewusstsein haben und Pläne schmieden können. Unsere Wissenschaft wusste das noch nicht, sie ordnete jede Lebensäußerung eines Haustieres als instinktgesteuertes Verhalten ein. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert; und die Wissenschaft ist ziemlich begeistert darüber, was Tiere alles so können und was sie alles in ihren Köpfchen haben (schon Darwin war der Meinung, dass selbst Regenwürmer ein Bewusstsein haben, die moderne Wissenschaft hat es zumindest bei Bienen schon gefunden).

Die Idee, Tiere in unser Leben einzubinden, die für ein wenig Fressen und einen kuschligen Schlafplatz freudig für uns arbeiten, eröffnet unendliche Möglichkeiten: Ratten finden Tretminen, ohne sie auszulösen; Opossums fressen mit Leidenschaft 4000 Zecken pro Woche und würden das auch gerne in Gärten und Parks tun ...

Das neue Bewusstsein der Wissenschaft für Tiere hilft gerade dabei, der elenden Massentierhaltung ein Ende zu setzen (was der weitaus größte Teil der Gesellschaft möchte): Das erste aus Zellen gezüchtete Fleisch ist verkaufsbereit, könnte zusammen mit wenigen gut lebenden Stalltieren zu einem Fleischkonsum führen, der uns nicht krank und aggressiv macht; mehr "echte Zivilisation" ist sowieso unsere einzige reale Zukunftschance.

Wenn die moderne Wissenschaft das Leben weiter entdeckt, könnte sie aber auch zu dem Schluss kommen, dass die Erde (mit höchster Vorsicht) zu ihren natürlichen Abläufe zurückgeführt werden muss. In diesem Zusammenhang könnte dann auch die Erkenntnis dämmern, dass der Mensch keinem anderen Tier (inklusive: keinem anderen Menschen) überlegen ist. Das wäre dann das Ende der Kriege und der Ausnutzung von Menschen und Tieren, dann hätten die Haustiere geholfen, die Welt zu retten - sie sind ganz sicher gerne dazu bereit.

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