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Prominente wie Nora Tschirner sprechen über Depressionen und werben für Therapie

Verletzte Seelen im Showgeschäft

Berlin (dpa)

Die aus Kinohits wie „Keinohrhasen“ und dem Weimar-„Tatort“ bekannte Schauspielerin Nora Tschirner hat in einem Interview des „Süddeutsche Zeitung Magazins“ offen über frühere Depressionen gesprochen.

Gregor Tholl

Die Schauspielerin Nora Tschirner hier bei einer Kinofilm-Premiere, spricht offen über ihre Depression. Auch Torsten Sträter (links oben) und Kurt Krömer sprachen das Thema offen an. Entertainer Harald Schmidt (rechts) ist seit 2008 Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Foto: dpa

Die wohl unreflektierteste Reaktion dürfte sein: „Ach, die auch?“ – es wäre ein ähnlich sensationslüsterner Gedanke wie bei einem Coming-out von Lesben oder Schwulen oder zuletzt auch Corona-Infizierten.

Die 39-jährige Tschirner schilderte: „Ich konnte mich nicht mehr freuen und mir nicht einmal mehr vorstellen, wie es wäre, mich über etwas zu freuen. Und ich dachte: Mal ehrlich, ich hab mich wahrscheinlich überhaupt noch nie über irgendwas gefreut.“

In Deutschland waren Depressionen lange Zeit total tabuisiert, ab 2009 dann überschattet vom Suizid des früheren Nationaltorwarts Robert Enke. In jüngerer Zeit sprechen jedoch auch Prominente, die fürs Lustigsein bekannt sind, offen über die Erkrankung. Ein Fortschritt, nachdem es jahrelang nur Einzelfälle in der Öffentlichkeit gab, etwa bei einigen Sportstars wie dem Skispringer Sven Hannawald.

„Torsten Sträter und Kurt Krömer reden bei ‚Chez Krömer‘ über Depressionen und ich weine (mittlerweile ohne Depression). Danke Euch beiden“, schrieb Tschirner etwa Ende März bei Instagram als Reaktion auf eine RBB-Talkshow. „Es klingt an manchen Tagen unüberwindlich, auch nur den kleinsten Schritt (oder einen Klick/geschweige denn Anruf) zu machen und man denkt, man ist der einzige Mensch, bei dem nichts helfen wird oder der den Versuch nicht wert ist.“ Doch das sei ein „Filter im Kopf“. „Den kann man wegkriegen Lasst euch helfen“, schrieb die Berlinerin. „Ein Winken aus dem Leben danach. Ist schön hier.“ Ihre Worte schloss Tschirner mit dem Schlagwort #endthestigma ab: also dem Aufruf, Depressionen nicht mehr als Schandmal zu sehen und daran Erkrankte nicht negativ zu bewerten.

Immer mehr deutsche Prominente gehen mit der Erkrankung offen um, nachdem es in anderen Ländern wie den USA schon länger üblich ist. Stars wie Lady Gaga, Katy Perry, Eminem, Julia Roberts, Halle Berry, Selena Gomez, Demi Lovato, Nicole Kidman, Angelina Jolie, Demi Moore, Ellen DeGeneres und Jim Carrey redeten offen über seelische Probleme.

Lang ist dennoch die Liste von Prominenten, die vor aller Augen in Abgründen versanken – depressiv, drogensüchtig, gar tödlich. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, aber noch immer zu betonen: Reichtum, rote Teppiche, Rampenlicht schützen nicht vor Depressionen.

Der deutsche Musiker Wincent Weiss machte aus seiner Erfahrung ein Lied namens „Wie es mal war“. „Ich habe die Leichtigkeit im Leben verloren und konnte mich nicht mehr über Dinge freuen“, sagte der 28-Jährige vor kurzem. „Als ich den Song 2019 geschrieben habe, hatte ich bereits depressive Züge und bin zur Therapie gegangen.“ In dem Song heißt es etwa: „Der Kopf zu voll, die Brust zu leer. Kein Gefühl, das mir mal für ’ne Sekunde bleibt.“

„Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht“, definiert die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Es gebe jedoch effektive medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung. „Die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs Depression kann irreführend sein.“ Wenn ein an Depression erkrankter Mensch oder die Angehörigen annehmen, Hoffnungslosigkeit sei eine nachvollziehbare Reaktion auf bestehende Lebensprobleme und nicht Ausdruck einer eigenständigen Erkrankung, sei das Risiko groß, Depressionen gefährlich zu verschleppen.

„Depression hat nichts mit Niedergeschlagenheit zu tun. Oder mit Traurigkeit“, erklärte auch Bestsellerautor Ferdinand von Schirach etwa in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ vor zwei Jahren. Es sei eine Disposition im Gehirn, die sich bei jedem anders zeige. „Bei mir etwa ist es das Gefühl, als würde ich in einem Zimmer liegen und von der Decke beginnt Öl zu tropfen und man sinkt gleich in das Öl ein.“

Tschirner fand im „SZ-Magazin“ ein anderes Bild. Sie habe das Gefühl gehabt, sich aufzulösen. „Es war eine diffuse Armee in schwarzem Nebel. Wenn man es sich überhaupt vorstellen kann, dann wie die Schwarzen Reiter in ‚Der Herr der Ringe‘ oder das Nichts aus der ‚Unendlichen Geschichte‘“.

Der Entertainer Harald Schmidt ist seit 2008 Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagte er 2019 über Wissenslücken, dass etwa viele glaubten, Schokolade helfe gegen Depression: „Ich denke, das ist auch bei Krankheiten wie Rückenleiden oder Bluthochdruck so und gerade bei den Beschwerden, die viele Menschen betreffen. Was man bei Depression vielleicht als Faustregel festhalten kann: Es ist nicht hilfreich, einem Erkrankten zu sagen, dass er mal die Seele baumeln lassen soll. Sondern es braucht ein straffes Programm mit medikamentöser Behandlung, mit Psychotherapie, mit Beschäftigung, mit Sport.“ Was genau helfe, müsse im Einzelfall entschieden werden.

Rat und Hilfe

Nicht nur für die Erkrankten ist die Depression eine Last, sondern auch für die Angehörigen. Rat und Unterstützung bieten die Sozialpsychiatrischen Dienste sowie der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen.

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