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Neuerscheinungen: Lesetipps nicht nur für den Herbst

Von stillen Kanälen und scheinbaren Idyllen

Passend zur kalten Jahreszeit präsentiert Ihnen unsere Kollegin sieben packende Neuerscheinungen. Vom Krimi, über den Triller, bis hin zum Roman, ist für jeden etwas dabei.

Von Burgit Hörttrich

Gemütlich Foto: Thomas F. Starke

Schach unter dem Vulkan

Der erfolgreiche schwedische Krimi-Autor Hakan Nesser lässt seinen Kommissar Gunnar Barbarotti und dessen Kollegin und Lebensgefährtin Eva Backmann in seinem neuen Roman „Schach unter dem Vulkan“ (den kryptisch anmutenden Titel erklärt Nesser nach etwa 250 Seiten) in seiner eigenen Welt, der der Schriftsteller, der Lektoren und Verlage ermitteln – auf die übliche gemächliche, oft abschweifend-philosophische Art. Hakan-Nesser-Fans wissen, dass sie Action bei ihm nicht erwarten dürfen.

Drei Autoren mit unterschiedlichen Schwerpunkten und unterschiedlichen (Verkaufs-)Erfolgen verschwinden, zwei davon unmittelbar nach einer Lesung irgendwo in der schwedischen Provinz mitten im Winter. Es gibt keine Spuren – abgesehen von einem ausgebrannten Auto. Zwischen den beiden ersten Fällen und dem dritten liegen Monate, es ist inzwischen Frühjahr, das Frühjahr 2020, Corona, auch Schweden bleiben vorsichtshalber zu Hause. Aber: Reisen bleibt möglich, Geschäfte und Kneipen sind geöffnet, trotzdem wird das Ermitteln nicht eben einfacher. Es gibt winzigste Hinweise, vor allem aber das Bauchgefühl von Barbarotti.

Am Ende wird seine Geduld – und die der Leser – belohnt. Dazwischen: allerlei Einsichten und Seitenhiebe auf das Literaturbusiness. Wer schon Van-Veeteren-Krimis mochte, schätzt auch den bedächtigen Barbarotti und hält bis zur letzten der 432 Seiten durch. Bis zur überraschenden Lösung.

 (btb, 22 Euro)

Wer das Feuer entfacht

Mit ihrem Erstling „Girl on the Train“ landete Paula Hawkins auf Anhieb einen Welterfolg, Thriller Nr. 2 „Into the Water“ wurde deutlich weniger gefeiert (und auch nicht verfilmt wie das Debüt). Jetzt ist „Wer das Feuer entfacht“ erschienen, und Paula Hawkins hält ihre Leserinnen und Leser bis zum Finale mit immer neuen Twists bei der Stange.

Auf einem Hausboot in London wird die Leiche eines Mannes entdeckt – von der Nachbarin, der etwas herunter gekommene und undurchsichtige Miriam. Laura, eine ziemlich verwirrte junge Frau, wurde zuletzt am Tatort gesehen, Carla, die Tante des Opfers, ist sowieso am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil kurz zuvor ihre Schwester ums Leben kam – die Mutter des Opfers. Carla lebt von ihrem Mann getrennt, hat aber immer noch ein gutes Verhältnis zu ihm. Das Paar hat vor vielen Jahren seinen kleinen Sohn bei einem vermeintlichen Unfall verloren. Dann ist da noch Irene, die vieles sieht und (mit-)hört. Die Frauen kennen sich alle flüchtig, die Lösung des Falls liegt in der Vergangenheit.

Die Protagonistinnen sind – jede auf ihre Art – gebrochene Persönlichkeiten und ob letztendlich der Gerechtigkeit Genüge getan wird, das zu beurteilen, überlässt die Autorin ihren Lesern.

 (Blanvalet, 20 Euro)

Der Sucher

Cal Hooper, frühpensionierter Cop aus Chicago, zieht um nach Irland. Im Dorf nimmt man den Fremden, der aus seinem leicht verkommenen Haus erst ein Zuhause machen will, freundlich auf, die Natur ist unspektakulär, aber friedlich. Allerdings: Cal fühlt sich beobachtet, immer wieder taucht ein Kind – ein Junge, glaubt er – bei ihm auf, auf umliegenden Farmen kommen Tiere zu Tode, sein Nachbar gibt kryptische Äußerungen von sich. Cal erwirbt langsam das Vertrauen des Kindes, will helfen – und gerät mitten hinein in eine Suche, dessen Ergebnis eigentlich niemand wissen möchte. Bis auf das Kind.

Mit „Der Sucher“ hat die irische Bestseller-Autorin einen Roman geschrieben, der auf subtile Art zuerst ein ungutes Gefühl auslöst, schließlich Spannung, Angst vor einer dubiosen Gefahr – der Wahrheit. Es ist ein Roman, in dem auch Verbrechen geschehen, Träume zerstört, Familiengeheimnisse aufgedeckt werden.

Das Buch entwickelt einen Sog, ist nichts für den schnellen Thriller-Kick zwischendurch. „Der Sucher“ ist Literatur mit einer besonderen, behutsamen Sprache.

 (S. Fischer, 22 Euro)

Wildtriebe

Dass Karl sie, Lisbeth, geheiratet, auf ihren Bethches-Hof gezogen, auf sein eigenes Erbe verzichtet hat – darauf begründen sich die Liebe und Lisbeths Stolz. Für die Großbäuerin ist der Hof das Wichtigste, der Erhalt und die Weitergabe der Lebenssinn. Lisbeth ist noch in einer Zeit aufgewachsen, als mit dem Pflug gearbeitet wurde, es Tiere aller Art auf dem Hof gab und einen großen Misthaufen.

Als Schwiegertochter Marlies Ende der 1960er Jahre den Hoferben Konrad heiratet, zieht eine Frau ein, die zwar brav ist, aber dennoch auch noch eigene Wünsche hat. Marlies macht den Jagd- und den Traktorführerschein, ar­beitet halbtags im Kaufhaus in der nächstgelegenen Stadt und will es bei einem Kind belassen. Lisbeth und Marlies leben unter einem Dach, tragen tagtäglich stille Kämpfe aus. Wenn es um Haushaltsführung oder Kindererziehung, die EU-Milchquote oder das Schweineschlachten geht, geht es immer auch um unterschiedliche Lebensmodelle.

Joanna, die nächste Generation, verbindet Lisbeth, die Großmutter, und Marlies, die Mutter miteinander – sie führt ein völlig anderes Leben: Gymnasium, ein Jahr in Uganda, Studium. Und, ach ja, im Roman „Wildtriebe“ von Ute Mank kommen natürlich auch Männer vor – Karl, Alfred, der Knecht, der längst zur Familie gehört, Konrad, der die Landwirtschaft aufgeben muss und notgedrungen in der Fabrik arbeitet.

„Wildtriebe“ ist ein Buch, in dem Frauen auf ihre Art um Selbstbestimmung und Freiheit kämpfen – um Möglichkeiten, die heute als selbstverständlich erscheinen. Ute Mank beschreibt das Leben in vielen kenntnisreichen Details und erzeugt Spannung, obwohl sich kaum Aufregendes ereignet. Höchstens in den Augen der Dorf-Klatschbasen.

  (dtv, 22 Euro)

Der Brand

Rahel und Peter sind seit vielen Jahren verheiratet, leben in einer großzügigen Altbauwohnung in Leipzig, sind als Uni-Dozent und Psychologin angesehen, haben zwei erwachsene Kinder. Alles gut also? Als vor Urlaubsantritt das gemietete Ferienhaus in den Alpen abbrennt, das Paar stattdessen auf einen einsamen Hof auf dem platten Land fährt, den Rahel seit ihrer Kindheit kennt, zeigen sich die Konflikte. Die Liebe hat sich aus ihrer Ehe verabschiedet und Platz gemacht für eine andere Art von Beziehung. Das reicht Peter, ist Rahel aber zu wenig.

Das Buch von Daniela Krien ist nur 272 Seiten schmal, der Autorin gelingt aber ein spannender Gesellschaftsroman mit teils köstlichen Szenen – wenn etwa Rahel über ihre Patienten und deren „Probleme“ nachdenkt. Und ob sie es noch aushält, in Zukunft mitfühlend und geduldig zuzuhören. Oder wenn Peter ein betagtes Pferd und einen maladen Storch zu seinen liebsten Gefährten macht. Ungeklärtes aus der familiären Vergangenheit wird freigelegt und – nach Ankunft von Tochter und Sohn, die extrem unterschiedliche Leben führen – verschiebt sich auch die Familienaufstellung.

Auf den Punkt geschrieben und obendrein auch noch ein Einblick in Alltag vor der Wiedervereinigung.

 (Diogenes, 22 Euro)

Der letzte Tod

Wien, September 1922: Kommissar August Emmerich jagt in seinem fünften Fall einen psychopathischen Mörder – und seine eigenen Dämonen.

Autor Alex Beer zeichnet erneut ein Zeitgemälde aus einer Epoche, als Menschen auf engstem Raum zusammen leben müssen, Kriegsveteranen von ihren Traumata verfolgt werden und dazu noch häufig ums tägliche Brot betteln müssen, als die Inflation Fahrt aufnimmt und die Lebenshaltungskosten ins Unermessliche steigen. Emmerichs ei­gene Lebenssituation ist inzwischen mindestens erträglich, er ist allerdings ein Typ, der überall anstößt, wenige Freunde hat und immer mit dem Kopf durch die Wand will.

„Der letzte Tod“ ist allerdings kein Roman, mit dem man in die Reihe einsteigen sollte: Zu viel Wissen wird vorausgesetzt, um der Handlung in vollem Umfang folgen zu können. Um Emmerich und seine Zeit kennenzulernen, lohnt es aber, sich von Band 1 („Der zweite Reiter“) vorzuarbeiten.

 (Penguin, 15,99 Euro)

Der Gejagte

Ein Skandinavien-Thriller für alle, die das Genre heiß und innig lieben – und auch vor grausigen Beschreibungen nicht zurückschrecken: Gabriella Ullberg Westin hat mit „Der Gejagte“ Band 4 um Kommissar Johan Rokka geschrieben.

In Hudiksval in Nordschweden beginnt die Elchjagdsaison. Eine Gruppe von sechs Jägern bricht auf, aber nur fünf kehren zurück. Damit beginnt der Horror, denn nach dem Fund der ersten, grausam in Szene gesetzten Leiche, folgt ein zweites Opfer. Die Toten sind durchnummeriert und die Ermittler, alle von der eher rauen Art, versuchen, einem perfiden Serienkiller auf die Spur zu kommen. Das Motiv ist unbekannt, die Jäger scheinen sich untereinander auch kaum zu kennen. Dabei liegt die Lösung von Anfang an nah, sehr nah...

Kein Buch für Sensible. Dieser Schweden-Krimi setzt auf das, was das Genre weltweit so auflagenstark gemacht hat: Grausamkeit in überwältigender Natur, diesmal mit einem Ende, das einen Hauch konstruiert erscheint.

 (HarperCollins, 16 Euro)

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