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Jazz und Progrock

Brad Mehldau auf der Jakobsleiter: Aufstieg oder Absturz?

Berlin (dpa)

Wer nicht nur seichten Jazz im Hintergrund dudeln lassen möchte, ist bei Brad Mehldau an der richtigen Adresse. Die wilde Genre-Mixtur von «Jacob's Ladder» stellt aber ganz besondere Herausforderungen.

Von Werner Herpell, dpa

Brad Mehldau überspringt mühelos Genre-Grenzen. Foto: Sofie Knijff/Warner Music & Nonesuch /dpa

Brad Mehldau gehört zu den größten (Jazz-)Pianisten der Gegenwart, und dass er ein Intellektueller ist, merkt man seinen Alben und Konzerten eigentlich immer an.

Bisweilen muss man sich allerdings auch als flexibler Hörer eine Schneise durch das Dickicht seiner Gedanken und Ambitionen schlagen - und bleibt dennoch etwas ratlos zurück. Ein derart verwirrendes Projekt ist «Jacob's Ladder», die neue Progrock-Jazz-Platte des 51 Jahre alten Grammy-Gewinners.

Nach den stillen, Klassik und Jazz verknüpfenden Lockdown-Werken «Suite: April 2020» und «Variations On A Melancholy Theme» ist dieser 70-Minüter wieder ein echter Mehldau-Brocken. Wie beim elektronisch aufgeladenen «Mehliana: Taming the Dragon» mit Schlagzeug-Genie Mark Guiliana (2014) und auf dem apokalyptischen, hochkomplexen Vokal-Jazz-Meisterwerk «Finding Gabriel» (2019) überschreitet der US-Amerikaner lässig Genre-Grenzen. Und er stellt Glaubensfragen.

Der Bogen ist weit gespannt

«Wir werden nah bei Gott geboren, und wenn wir reifer werden, bewegen wir uns unweigerlich immer weiter von ihm weg wegen unserer Egos», schreibt Mehldau in seinen Notizen zu «Jacob's Ladder» (die Jakobs- oder Himmelsleiter ist ein biblisches Motiv).

Die Musik der zwölf Stücke durchschreitet eine irrwitzige Bandbreite: von leisen Piano- oder Harfentönen und Spoken Word (in «Herr und Knecht» auf Deutsch, anderswo auf Niederländisch!) über Kinderstimmen, Gesänge, Gebrüll und Choräle bis zu Orgel-Grusel und Heavy-Metal-Anklängen.

Mehldau hat in die teils filmreifen Kompositionen auch seine Liebe zum Progressive Rock der 1970er Jahre eingewoben - zu Bands wie Rush und Yes, die er gleich mehrfach zitiert.

Mitgewirkt haben erneut Drum-Berserker Guiliana, der das letzte David-Bowie-Album «Blackstar» (2016) so prägte, der Banjo-Meister Chris Thile, die Sängerin Becca Stevens und viele andere mehr.

«Jacob's Ladder» ist ein brillantes, mutiges, aber auch schwieriges Album. Musik jenseits aller Schubladen, die sich nicht so nebenher über Playlists konsumieren lässt - also sicher nichts für die Generation Spotify.

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