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Singer-Songwriter

Father John Misty: Ein Folkrocker auf dem Weg zum Broadway

Berlin (dpa)

Ist Josh Tillman ein neuer Frank Sinatra? Das fünfte Studioalbum des US-Sängers mit der noblen Baritonstimme legt diesen Vergleich nahe. Der nächste Schritt wäre ein Pop-Musical von Father John Misty.

Von Werner Herpell, dpa

Father John Misty schlägt ein neues Kapitel auf. Foto: Ward & Kweskin/Bella Union/dpa

Eine Tendenz zu Retro-Klanggemälden hatte der US-Musiker Joshua Michael Tillman alias Father John Misty schon länger.

Als (bald unterforderter) Schlagzeuger und Mitsänger der Fleet Foxes frönte er vor gut zehn Jahren mit großem Erfolg einem harmonieseligen Sixties-Folkrock. Als Solokünstler unter dem seltsamen Pseudonym verneigte er sich dann vor dem Songwriter-Pop der 1970er im Stil von Elton John oder Harry Nilsson.

Die beiden Großmeister sind nun auch auf dem fünften Album «Chloë And The Next 20th Century» wieder als Einflüsse herauszuhören (am klarsten in «Goodbye Mr. Blue», einer unverkrampften Hommage an Nilssons ikonisches «Everybody's Talkin'» von 1968).

Reise in die Vergangenheit

Doch Father John Misty geht auf diesem streicherverzierten, auf angenehme Weise kitschigen Werk noch weiter zurück - teilweise um 80 bis 100 Jahre, zur Ära der üppigen Jazzballaden. Auf der Bühne gab Tillman schon früher gern einen zotteligen Sinatra-Klon - jetzt klingt er auch so.

Die zunehmende Versenkung in der popmusikalischen Vorvergangenheit hat den Charme, dass sich das vom kalifornischen Studiozauberer Jonathan Wilson mitproduzierte «Chloë...» nicht direkt mit den drei herausragenden Vorgängern vergleichen lassen muss. Denn «I Love You, Honeybear» (2015), «Pure Comedy» (2017) und «God's Favorite Customer» (2018) waren mit ihrer Mischung aus Snobismus und Weichheit, Größenwahn und Stilbewusstsein kaum noch zu toppen.

Tillman (40) rettet sich diesmal daher noch häufiger in die Ironie. So zieht sich in «Q4» eine Art Cembalo durch den Song, in «Olvidado (Otro Momento)» imaginiert ein Samba-Rhythmus den Zuckerhut und das Ipanema-Girl herbei, im Bombast von «The Next 20th Century» treten Bläser gegen ein irrwitziges Wilson-Gitarrensolo und Kastagnetten an. «Chloë» und «Funny Girl» klingen verblüffend authentisch nach Broadway.

Ja, das wär's eigentlich: Father John Misty sollte diese wunderbar theatralischen Kompositionen mal zu einem Pop-Musical formen. Das Rüstzeug hat er mit seinem überdimensionalen Sound auf jeden Fall.

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