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The Zealot Gene

Neues Jethro-Tull-Album von Ian Anderson

London (dpa)

Jahrelang verzichtete Ian Anderson darauf, unter dem Bandnamen Jethro Tull aufzutreten, obwohl er weiter die Musik der von ihm gegründeten Rockband spielte. Jetzt ist (fast) alles wieder wie früher.

Von Philip Dethlefs, dpa

Ian Andersons Freude über das neue Jethro-Tull-Album ist getrübt. «Ich hätte mich sehr viel mehr darüber gefreut, wenn es schon 2018 rausgekommen wäre», sagt der Gründer, Sänger und Flötist der ikonischen britischen Progressive-Rockband im Zoom-Gespräch der Deutschen Presse-Agentur.

«So hatte ich es geplant. Dann hatte ich mich drauf gefreut, es im vergangenen November rauszubringen. Aber wegen der langen Tournee habe ich die letzten fünf Songs nicht fertig bekommen. Und dann kam die Pandemie und hat wieder alles lange lahmgelegt.»

Die fehlenden fünf Songs nahm Anderson schließlich zu Hause in seinem eigenen Studio «mit einem Akustik-Feeling» auf. Doch als das Album fertig war, kam die nächste Hürde. «Es braucht heutzutage viel Zeit, um Alben auf Vinyl zu pressen, weil es nur noch so wenige Presswerke auf der Welt gibt», klagt der 74-Jährige, dessen Band Anfang der 70er Jahre mit Alben wie «Aqualung» oder «Thick As A Brick» für Furore sorgte, als die Schallplatte noch das wichtigste Musikmedium war.

Damals kam fast jedes Jahr ein neues Jethro-Tull-Album auf den Markt. Ab den 90er Jahren wurde es deutlich seltener. Das letzte Studiowerk, das unter dem Bandnamen erschien, war ein Weihnachtsalbum im Jahr 2003, bevor Anderson die Gruppe 2012 auflöste.

Nach Soloalben, die zum Teil nach Jethro Tull klangen, und Livescheiben mit Titeln wie «Ian Anderson Plays the Orchestral Jethro Tull» steht der Bandname nun wieder wie früher groß auf dem Cover. Die Musiker sind bis auf Anderson allerdings andere. Und der langjährige Gitarrist Martin Barre gehört seit 2012 nicht mehr zur Tull-Besetzung.

Probleme mit dem Namen

Anderson selbst mochte den Bandnamen, der dem britischen Pionier der Agrarwissenschaft Henry Jethro William Tull entliehen ist, übrigens nie. «Er ist ein Stück englische Geschichte, und ich fühle mich nicht wohl damit, diesen Namen zu nehmen und kommerziell zu nutzen», sagt er. «Ich finde es peinlich, aber ich muss eben akzeptieren, dass das seit 1968 so ist, als uns unser Agent den Namen Jethro Tull gab und ich zu blöd war nachzuschauen. Denn es gab ja kein Google.»

Agronomen des 17. und 18. Jahrhunderts mal außen vor - auf «The Zealot Gene» klingen Jethro Tull wieder wie Jethro Tull. Natürlich startet die Platte mit der berühmten Querflöte, mit der sich Andersons Gruppe, die ursprünglich aus dem Blues kam, früh von anderen Rockbands abhob.

«Ich habe die Flöte immer sehr kraftvoll gespielt», sagt der Mann, der einst mit Zauselbart und langem Haar auf der Bühne herumsprang. «Und ich habe damit für eine gewisse Geschlechter-Gleichheit gesorgt. Die Flöte galt als mädchenhaftes Instrument, ich hab sie hart klingen lassen.»

Musikalisch sind die neuen Songs im positiven Sinne wie aus der Zeit gefallen, bar jeglicher musikalischer Trends. Die blitzsaubere Produktion schadet dem erdigen Sound nicht. Inhaltlich besingt Anderson, der sich nach eigener Aussage gern von Bildern inspirieren lässt, unterschiedliche Themen - von modernen Populisten («The Zealot Gene») über hemmungslose Besäufnisse britischer Jugendlicher bis hin zu subtiler Erotik («Shoshana Sleeping»).

Die im Opener besungene «Mrs Tibbets» war die Ehefrau von Paul Tibbets, der 1945 das Flugzeug «Enola Gay» flog, das die erste Atombombe über Hiroshima abwarf. «Ich war schon immer gegen den Einsatz von Waffen gegen Zivilbevölkerung», sagt Anderson.

Verweise auf die Bibel

Er sei «nicht im konventionellen» Sinne religiös, betont Anderson. Trotzdem findet sich im Booklet des Albums zu jedem Song eine passende Bibelpassage. Neben «Mrs Tibbets» steht ein Verweis auf «Genesis 19:24-28». «Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen, von Himmel herab auf Sodom und Gomorra», lautet der Bibeltext.

Seine Inspiration für die zwölf Lieder auf «The Zealot Gene» waren «starke, leidenschaftliche Gefühle», berichtet der Multiinstrumentalist und Sänger. «Nur zum Spaß hab ich einige dieser Worte, die ich aufgeschrieben habe, gegoogelt, um zu sehen, was die Bibel dazu sagt. Aber es ging mir eher um die gedanklichen Bilder.»

In zwölf Songs und fast 50 Minuten gibt es auf «The Zealot Gene» intelligenten, entspannten Progressive Rock. Ob man auf den Text achtet oder ihn versteht, ist Songpoet Anderson übrigens egal, sagt er. So oder so ist es eine gelungene Rückkehr zum Jethro-Tull-Sound, auch wenn der dank Ian Anderson genau genommen nie wirklich weg war.

«Hier ist nun endlich die Sammlung von Songs, auf die ihr nicht wirklich gewartet habt», scherzt der Frontmann im Begleittext. Gedanklich hat er die Platte längst abgehakt. «Ich schreibe seit zwei Wochen am nächsten Album», erzählt er. «Meine Konzentration und meine kreative Energie liegen also vollkommen auf dem neuen Album. Das kommt 2023.» Als nächstes steht für Jethro Tull eine ausgedehnte Europa-Tournee mit vielen Auftritten in Deutschland an.

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