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Epithymia

Tom Schilling über Film, Musik und Die Andere Seite

Berlin (dpa)

Dass Schauspielstar Tom Schilling auch singen und Songs schreiben kann, weiß man schon länger. Nun präsentiert er sich auf seinem zweiten Album als Band-Frontmann sehr düster.

Interview: Werner Herpell, dpa

Düstere Songs von Tom Schilling. Foto: Michael Sohn/POOL AP/dpa

Als Schauspieler ist Tom Schilling gut im Geschäft, seine Hauptrollen in den Kinofilmen «Werk ohne Autor» (2018) und «Fabian oder Der Gang vor die Hunde» (2021) sind noch in bester Erinnerung.

Als Sänger und Songschreiber der Band Tom Schilling & The Jazz Kids veröffentlichte er 2017 das von der Kritik sehr positiv aufgenommene Debüt «Vilnius». Nun legt der Berliner mit fast denselben Musikern unter dem Projektnamen Die Andere Seite das viel düsterer klingende zweite Album «Epithymia» (Veröffentlichung: 22. April) vor. Die Deutsche Presse-Agentur hat mit ihm über Musik und Film gesprochen.

Frage: Hallo, Tom Schilling, herzlichen Glückwunsch nachträglich. Sie sind gerade 40 geworden. Muss man dieses mittlere Lebensalter erreichen, um ein so intensives Album wie «Epithymia» zu machen - nach dem eher leichten «Vilnius», als Sie Mitte 30 waren?

Antwort: Ich glaube, dass das nicht so sehr an eine Zahl geknüpft ist, eher an eine Lebensphase. Als ich das zweite Album geschrieben habe, war ich nicht so auf der 'Sunny side of life'. Aber immerhin habe ich dieses Album geschrieben, das hat mich schließlich beflügelt. Weil es mir viel Kraft und Halt und Sinnhaftigkeit gibt, wenn ich Lieder schreibe. Das Herz war auf jeden Fall offen für bestimmte Themen und Inspirationen. Ich bezweifle, dass mir das jetzt wieder so schnell gelingen würde.

Frage: Neuer Bandname, neuer Sound - was fünf Jahre seit Ihrem Debüt doch ausmachen. Was ist mit Tom Schilling, dem Singer-Songwriter, geschehen, dass man tatsächlich eine andere Seite kennenlernt?

Antwort: Ich glaube, dass ich tatsächlich so mit dem Rücken zur Wand stand, dass es mir eine gewisse Freiheit vermittelt hat. Das erste Album war stark von persönlicher Unsicherheit geprägt und dadurch nicht so unverstellt wie das jetzige. Vielleicht hätte das erste Album schon so klingen müssen wie nun das zweite.

Frage: Tatsächlich sind es ja weitgehend dieselben Musiker, aber «The Jazz Kids» - das hätte für diese düsteren Songs wirklich nicht mehr gepasst. Wem und wann kam die Idee zur Umbenennung?

Antwort: Mir selbst. Und die kam, als sich das Album herausschälte. Ich habe vor zwei Jahren wieder angefangen zu schreiben. Ich hatte ein Lied, «Die Weide», das war zuerst da. Und dann ging es recht flott. Dann wurde es fast wie eine Art Konzeptalbum - «Neue deutsche Lieder über die Liebe und den Tod» sollte es heißen. Aber ich kann eigentlich nur über mich schreiben und hoffe dann, dass Dinge, die mich beschäftigen, auch andere Menschen berühren. Ich wusste also, dass es sich um eine schwere Thematik handelt, dass der Sound und das Songwriting viel sperriger werden sollten. Dann wächst dieses Album, und man kommt wieder ins Zweifeln über einen Bandnamen, der immer schon zweifelhaft war.

Frage: «Das Lied vom Ich» als Opener hat etwas Verstörendes, textlich und musikalisch. Wie haben Sie es geschafft, für diesen Schrei am Ende so loszulassen?

Antwort: Ich wusste, dass es dieses Element braucht für das Lied. Aber das ist nicht mein Naturell. Wenn ich in einer Filmszene jemanden spiele, der einen cholerischen Anfall hat, dann fällt es mir nicht schwer, zu schreien. Ich bin eigentlich ja kein Shouter, aber ohne diesen Schrei am Ende würde das Lied gar nicht funktionieren.

Frage: Ich habe voriges Jahr Ihren «Fabian» gesehen - zum Glück im Kino. Beim Hören einiger Ihrer neuen Lieder legen sich die Traurigkeit des Fabian und die Melancholie Ihrer Musik jetzt interessanterweise übereinander. Können Sie das nachvollziehen?

Antwort: Ja, total. Finde ich auch gut, dass Sie den Zusammenhang sehen. Denn für mich sind beide - der «Fabian» und das Album - in der gleichen Phase entstanden, als sich meine Gefühlswelt etwas verselbstständigt hat. Ich hatte ein bisschen Angst vor dem Film und sah als einzige Möglichkeit, dass ich mich da nicht verleugne, sondern unverstellt bin. Manche Leute behaupten ja, ich spiele immer mich selbst, den Tom Schilling. Da haben sie vielleicht sogar recht. Andere sagen, ich berühre sie mehr als andere Schauspieler, weil sie nicht das Gefühl haben, dass ich spiele. Beides stimmt wahrscheinlich. Ein paar Lieder habe ich auch während «Fabian» geschrieben. Im besten Fall bezieht sich bei mir alles aufeinander.

Frage: Sie nennen «Epithymia» ein Sehnsuchts-Album und sprechen auch von der «Sehnsucht nach dem Tod». Das klingt nicht nach einem glücklichen Tom Schilling. Muss man sich um Sie Sorgen machen?

Antwort: Ja, könnte man - muss man aber nicht. Doch ich verstehe, dass das ein Satz ist, der manchen Leuten auch aufstößt. Viele Menschen sehnen sich nach einem gesunden Leben, ohne Schmerz, ohne Armut - und dann kommt so ein Heini vom Film daher und redet von der Sehnsucht nach dem Tod. Das klingt, so aus dem Gedankengang gerissen, auch grenzwertig. Aber wie so oft geht es ja darum, was zwischen den Zeilen steht: Was ist diese Sehnsucht, die so viele Menschen in sich tragen? Ich sehne mich vielleicht letztlich nach einem gewissen inneren Frieden, nach dem Ankommen. Nach der anderen Seite.

Frage: Lassen Sie uns noch kurz über die Schauspielerei reden. Sind Sie eigentlich ein bisschen enttäuscht über die Würdigung Ihres «Fabian»? Nach den vielen Auszeichnungen für «Oh Boy» und «Unsere Mütter, unsere Väter» sind Sie zuletzt ja oft leer ausgegangen.

Antwort: Die anderen waren halt auch gut. Nein, ich finde, der «Fabian» war ein fantastischer Film, und wenn es nach mir gegangen wäre, hatte er unfassbar viele Auszeichnungen bekommen. Aber das ist halt eine Geschmacksfrage. Der Massengeschmack hat den Film eben nicht so weit vorne gesehen. Aber ein Film wird dadurch nicht besser oder schlechter, dass er einen Preis bekommt.

Frage: Zuletzt haben Sie mit Bertolt Brecht und Gerhard Richter historische Künstlerfiguren gespielt. Was ist daran so reizvoll, und könnten Sie sich so etwas nochmal vorstellen?

Antwort: Da kann ich gar nichts ausschließen. Ich kann mir aber auch vorstellen, immer Filme zu machen, die in der gleiche Epoche spielen - wenn sie immer wieder etwas anders erzählen, wenn es um einen anderen Kern geht oder um ein anderes Genre. Ich mag auch gern Komödien, aber die meisten taugen halt nichts. Daher sieht man mich da so selten.

ZUR PERSON: Der Schauspieler und Musiker Tom Schilling wurde am 10. Februar 1982 in Berlin geboren. Seine größten Erfolge waren die Hauptrollen in der Berlin-Komödie «Oh Boy» (2012) und in der TV-Serie «Unsere Mütter - unsere Väter» (2013). Zuletzt überzeugte er in den Kinofilmen «Werk ohne Autor» (2018) und «Fabian oder Der Gang vor die Hunde» (2021). Schilling lebt mit seiner Familie in Berlin.

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