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Befreiung von Auschwitz vor 77 Jahren

Antisemitismus in Zeiten von Corona: Mahnung zum Holocaust-Tag

Berlin (dpa)

Am 27. Januar wird an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz erinnert. Noch heute spüren Juden in Deutschland oft nicht die ersehnte Normalität, sagt der Antisemitismusbeauftragte. Auch die Corona-Pandemie birgt Gefahren.

Von dpa

Der Holocaust-Gedenktag erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers . Foto: Bernhard Hertlein

Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein fordert neue Ansätze, um die Erinnerung an die NS-Verbrechen wach zu halten. «Sie darf nicht in Formeln und Ritualen erstarren, und sie sollte nicht nur den Kopf ansprechen, sondern auch das Herz und die Emotionen», sagte Klein.

Empathie sei entscheidend in «Zeiten der Verrohung und der Shoa-Relativierungen». Klein verurteilte Antisemitismus bei Corona-Protesten scharf. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus äußerte sich zum Holocaust-Gedenktag. Am 27. Januar wird an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz 1945 und an die Opfer der Nationalsozialisten erinnert, darunter Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und politische Gegner des NS-Regimes.

Der Bundestag begeht den Jahrestag mit einer Gedenkstunde, bei der die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher und der israelische Parlamentspräsident Mickey Levy sprechen. Teilnehmen sollen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Bundesratspräsident Bodo Ramelow (Linke).

Knesset-Sprecher Mickey Levy (l) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier legen Kränze auf einer Stele des Holocaust-Mahnmals nieder. Foto: John Macdougall/Pool/Afp/dpa

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) rief unterdessen zur Wachsamkeit gegenüber anhaltender Judenfeindlichkeit auf. «Der Antisemitismus ist mitten unter uns», warnte sie. Antisemitismus gebe es nicht nur am äußersten politischen Rand - er sei ein Problem der ganzen Gesellschaft. Zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert der Bundestag traditionell an die Opfer des Nationalsozialismus.

«Wachsende Verrohung»

Der Bundesbeauftragte Klein nannte es «extrem und infam», dass einige Teilnehmer von Corona-Demonstrationen sich gelbe Judensterne anheften und so die NS-Verbrechen relativieren. «Das ist die Lust an der Provokation und der Wunsch, damit Aufmerksamkeit zu erzeugen», sagte Klein. Aber das könne man nicht ignorieren. «Es zeigt einen wachsenden Verrohungszustand in unserer Gesellschaft.»

Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein in Berlin. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa/archivbild

Corona habe Antisemitismus beflügelt, fügte er hinzu. So habe eine Studie nachgewiesen, dass sich die Zahl deutschsprachiger Internet-Posts mit judenfeindlichen Inhalten seit Beginn der Pandemie verdreizehnfacht habe. «Diese einfachen Muster, dass es einen Sündenbock geben muss, das hat leider eine gewisse Tradition in unserer Gesellschaft.»

Extremisten nutzten die Unzufriedenheit einiger Menschen mit der Corona-Politik aus. Antisemitismus sei «eine Art klebriger Kitt» für die verschiedenen Protestgruppen, von vermeintlich unbedarften Bürgern, über Esoteriker, Verschwörungsanhänger, «Prepper», Reichsbürger bis hin zu Rechtsextremisten. Klein begrüßte, dass Strafverfolgungsbehörden viel konsequenter wegen Volksverhetzung ermitteln, wenn NS-Verbrechen verharmlost würden.

Diese monströsen Verbrechen heute gedanklich zu fassen, sei fast unmöglich. «Aber wichtig ist, diese Geschichte anzunehmen, wie eine Art Erbschaft oder Vermächtnis, was aber nicht ausgeschlagen werden kann», sagte Klein. Hilfreich sei, dass es im Lauf der Zeit leichter werde, die Rolle der eigenen Familie in der Shoa kritisch zu beleuchten. Menschen mit Migrationshintergrund müssten in die Erinnerungskultur einbezogen werden - es sei durchaus möglich, sie zu erreichen.

Ein Gedenkkranz liegt am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Wunsch nach Normalität und Sicherheit

Jüdinnen und Juden wünschten sich nichts mehr, als in Normalität und Sicherheit zu leben, sagte Klein. Normalität sei aber weit entfernt, wenn vor jüdischen Einrichtungen Polizeischutz zum Alltag gehöre. «Das ist die traurige Botschaft auch zu diesem Gedenktag, dass wir das noch nicht geschafft haben zu zeigen und zu leben: Die jüdische Gemeinschaft ist ein ganz normaler Teil der Gesellschaft und bereichert sie.»

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC) äußerte sich besorgt über wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Der WJC-Präsident verwies auf eine im November von seiner Organisation durchgeführten Umfrage unter 5000 Menschen in Deutschland, über deren Details die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und das ZDF berichteten. Demnach hat nach Lauders Angaben jeder Dritte unter 30 Jahren grundsätzlich antisemitische Vorstellungen, unter allen Erwachsenen sei es fast jeder Fünfte. Die Studie zeige, dass das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland auf einem Allzeithoch sei, sagte Lauder im ZDF.

Die Corona-Pandemie hat Lauder zufolge wie ein «Brandbeschleuniger» für den Antisemitismus gewirkt. «Unter dem Deckmantel vermeintlicher Kritik an Corona-Maßnahmen ist Antisemitismus noch gesellschaftsfähiger und damit gefährlicher geworden», kritisierte Lauder in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

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